EU-Emissionshandel: Der Hilferuf der Stahlindustrie betrifft alle

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ArcelorMittal, thyssenkrupp Steel und voestalpine warnen vor steigenden CO₂-Kosten, Produktionsverlagerungen und dem Verlust industrieller Wertschöpfung. Ihre Kritik betrifft nicht nur die Stahlindustrie. Auch Galvaniken, Lackierereien, Härtereien und andere energieintensive Oberflächenbetriebe stehen vor dem Problem, dass regulatorische Belastungen schneller steigen als wirtschaftlich tragfähige klimaneutrale Alternativen verfügbar werden.

Der gemeinsame Appell von ArcelorMittal Europe, thyssenkrupp Steel und voestalpine ist mehr als eine branchenspezifische Forderung. Die drei Unternehmen, die zusammen rund 60 Prozent der integrierten Stahlproduktion Europas repräsentieren, stellen eine grundsätzliche Frage: Wie soll die europäische Industrie ihre Produktion dekarbonisieren, wenn bezahlbare Energie, Infrastruktur und klimaneutrale Technologien nicht in ausreichendem Umfang vorhanden sind?

Diese Frage betrifft nicht nur Hochöfen und Stahlwerke. Sie stellt sich industrielle Fertigungsprozesse und natürlich auch in der energieintensiven Oberflächentechnik. Galvanische Anlagen, Lackierereien, Pulverbeschichtungsbetriebe, Härtereien, industrielle Reinigungsanlagen und weitere Beschichtungsverfahren benötigen auch bei hoher Prozesseffizienz große Energiemengen. Noch dazu müssen viele dieser Prozesse über längere Zeit stabil betrieben werden. Sie lassen sich bei Energiemangel nicht beliebig unterbrechen, ohne Qualitätseinbußen, Ausschuss und zusätzliche Kosten zu verursachen.

Insgesamt steht die Oberflächenbranche vor ähnlich grundsätzlichen Problem wie die Stahlindustrie: Die regulatorischen Kosten steigen bereits, während die wirtschaftlichen und technischen Voraussetzungen für eine umfassende Dekarbonisierung vieler Industrieprozesse nicht gegeben sind.

Das ETS braucht einen Realitätscheck

Besonders deutlich formuliert Marie Jaroni, CEO von thyssenkrupp Steel, die Kritik der Stahlhersteller:

„Das ETS braucht einen Realitätscheck. Es reflektiert nicht die industrielle Gegenwart Europas, in der Wettbewerbsfähigkeit und Transformation immer weniger vereinbar sind.“

Genau dieser Konflikt ist auch in der Oberflächenbranche erkennbar. Die Unternehmen sollen ihre Prozesse elektrifizieren, Energie einsparen, fossile Energieträger ersetzen und gleichzeitig international wettbewerbsfähig bleiben. Bezahlbarer grüner Strom, Wasserstoff, ausreichende Netzkapazitäten und wirtschaftliche Speicherlösungen stehen jedoch in der notwendigen Breite nicht zur Verfügung.

Jaroni fordert deshalb eine zeitweise Entlastung: „Deshalb brauchen wir beim ETS eine Kostenpause, um die Transformation abzusichern und ‚First Mover‘ wie uns nicht zu benachteiligen. Die Reform muss dazu beitragen, Klimaschutz und industrielle Entwicklung für die Zukunft Europas erfolgreich zusammenzubringen.“

Diese Aussage lässt sich nahezu direkt auf die Oberflächenbranche übertragen. Auch dort investieren Unternehmen bereits in energieeffiziente Trockner, Wärmerückgewinnung, moderne Gleichrichter, optimierte Badführung, Niedertemperaturverfahren oder alternative Vorbehandlungstechnologien. Allerdings amortisieren sich solche Investitionen häufig erst über mehrere Jahre.

Werden gleichzeitig immer größere finanzielle Mittel durch Energiepreise, Netzentgelte, CO₂-Kosten und regulatorische Aufwendungen gebunden, wird das Kapital, das für genau jene Modernisierungen genutzt werden könnten, die politisch eingefordert werden, zwangsläufig und unproduktiv verschwendet.

Die technischen Voraussetzungen fehlen

ArcelorMittal, thyssenkrupp Steel und voestalpine betonen, dass sie die europäischen Klimaziele unterstützen. Sie kritisieren jedoch, dass für energieintensive Industrien bislang kein wirtschaftlich tragfähiger Transformationspfad vorhanden sei.

Zu den fehlenden Voraussetzungen zählen nach Angaben der Unternehmen wettbewerbsfähige Strompreise, erschwinglicher grüner Wasserstoff, Klimaschutzverträge, CO₂-Abscheidung und -Speicherung sowie ausreichend große Märkte für emissionsarme Produkte.

Auch in der Oberflächentechnik ist die Dekarbonisierung nicht allein eine Frage des unternehmerischen Willens. Ein Beschichtungsbetrieb kann seine Produktion nicht von jetzt auf gleich durch einen einfachen Technologiewechsel klimaneutral stellen.

Eine Umstellung auf neue Energieträger setzt geeignete Anlagen, Netzanschlüsse, Genehmigungen und auch hohe Aufwendungen voraus, um Prozesse neu zu qualifizieren. Steigen die regulatorischen Kosten schneller, als diese Alternativen verfügbar werden, entsteht keine geordnete Transformation. Stattdessen wächst der wirtschaftliche Druck auf die bestehende Produktion.

Lakshmi Mittal, Executive Chairman von ArcelorMittal, formuliert den entscheidenden Anspruch an das Emissionshandelssystem so:

„Es muss eine Zukunft für das ETS gefunden werden, die Anreize für die Dekarbonisierung schafft, ohne die Wettbewerbsfähigkeit zu beeinträchtigen.“

Der Satz beschreibt den Kern des Problems. Klimaschutzinstrumente können nur dann dauerhaft erfolgreich sein, wenn die betroffenen Unternehmen wirtschaftlich in der Lage bleiben, die erforderlichen Investitionen auch tatsächlich zu leisten.

Wenn CO₂-Kosten Investitionsmittel aufzehren

Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen erwarten die Stahlhersteller, dass sich die Kosten der Stahlproduktion in Europa bis Anfang der 2030er Jahre um rund 50 Prozent erhöhen könnten.

Gleichzeitig unterliegen stahlintensive Importe nicht in vergleichbarem Umfang entsprechenden CO₂-Kosten. Für europäische Exporte ist zudem keine ausreichende Erstattung der Belastungen vorgesehen. Damit drohen europäischen Produzenten existenzgefährdende Wettbewerbsnachteile sowohl auf dem Binnenmarkt als auch auf internationalen Märkten – das könnte Entscheidungen, lieber Produktionsstätten in Europa zu schließen, als massive und zugleich wirtschaftlich fragwürdige Investitionen zur Erhaltung von Standorten zu tätigen, erheblich fördern.

Aus den Plänen der EU ergeben sich für alle herstellenden Betriebe eine doppelte Belastung. Einerseits verteuern sich Stahl, Aluminium, Chemikalien und weitere Vormaterialien. Andererseits steigen die eigenen Energie-, Prozess- und Regulierungskosten.

Herbert Eibensteiner, Vorstandsvorsitzender der voestalpine AG, warnt ausdrücklich davor, dass die Belastung durch den Emissionshandel jene finanziellen Mittel bindet, die eigentlich für die Transformation benötigt werden:

„In einem herausfordernden wirtschaftlichen Umfeld führt jedoch der schrittweise Wegfall der freien Zuteilung bereits dazu, dass finanzielle Mittel, die für die entscheidende Phase der Transformation benötigt werden, gebunden werden.“

Seine Schlussfolgerung ist eindeutig: „Eine Aussetzung im ETS-Rahmen, bis die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen sind, ist entscheidend, um diese Investitionen abzusichern und weitere Dekarbonisierungsschritte zu ermöglichen.“

Für die Oberflächentechnik gilt derselbe Wirkmechanismus. Unternehmen müssen investieren, um Prozesse energieeffizienter und emissionsärmer zu gestalten. Werden ihre finanziellen Spielräume jedoch bereits durch steigende laufende Kosten aufgezehrt, wird die notwendige Modernisierung erschwert oder vollständig verhindert.

Oberflächenprozesse sind nicht optional

Oberflächenprozesse stehen häufig am Ende einer langen Fertigungskette. Fällt die Beschichtung aus, kann ein nahezu fertiggestelltes Bauteil nicht ausgeliefert werden.

Oberflächenbetriebe sind daher nicht nur selbst energieintensiv. Sie besitzen zugleich eine hohe Bedeutung für komplette industrielle Wertschöpfungsketten. Korrosionsschutz, Verschleißschutz, elektrische Eigenschaften, Reibungsverhalten, Optik, Hygiene und Lebensdauer industrieller Produkte hängen von funktionierenden Oberflächenprozessen ab.

Gerät diese Branche in der Breite wirtschaftlich in zu große Bedrängnis, hat das Auswirkungen auf sämtliche Industriebereiche, vom Automobilbau, über den Maschinenbau, die Bauindustrie, Elektrotechnik, Medizintechnik und Luftfahrt.

Verlagerung statt Dekarbonisierung

Die Stahlhersteller warnen, dass Europa ohne eine Reform des EU-ETS mit einem Rückgang der stahlintensiven Produktion um 30 bis 40 Prozent rechnen müsse. Bis zu fünf Millionen Arbeitsplätze entlang der Wertschöpfungskette könnten gefährdet sein.

Diese Zahlen lassen sich nicht unmittelbar auf die Oberflächenbranche übertragen. Der wirtschaftliche Mechanismus ist jedoch vergleichbar: Hohe standortspezifische Kosten treffen auf internationalen Wettbewerb, geringe Margen und nur begrenzt verfügbare klimaneutrale Alternativen.

Für viele Oberflächenbetriebe besteht die größte Gefahr nicht allein in einer unmittelbaren Schließung, sondern in einer schrittweisen Verlagerung industrieller Wertschöpfung. Investitionen werden verschoben, neue Produktionslinien im Ausland aufgebaut, Ersatzinvestitionen unterlassen und energieintensive Arbeitsschritte ausgelagert.

Dabei gilt: Die Oberfläche folgt häufig dem Bauteil. Wird die Fertigung von Komponenten aus Europa verlagert, wandern oftmals auch Vorbehandlung, Lackierung, Galvanisierung oder thermische Nachbehandlung mit.

Die Forderung der Stahlhersteller nach wettbewerbsfähigen Rahmenbedingungen ist deshalb auch für die Oberflächenbranche relevant. Sie ist eng an die europäische Grundstoff- und Fertigungsindustrie gekoppelt und kann deren Produktionsverluste nicht unabhängig kompensieren.

Vorreiter dürfen nicht bestraft werden

Ein besonders wichtiger Punkt des gemeinsamen Appells betrifft die sogenannten First Mover. Unternehmen, die frühzeitig in emissionsärmere Technologien investieren, tragen hohe technische und wirtschaftliche Risiken. Sie dürfen nach Auffassung der Stahlhersteller durch steigende ETS-Kosten nicht zusätzlich benachteiligt werden.

Marie Jaroni fordert deshalb ausdrücklich eine Kostenpause, „um die Transformation abzusichern und ‚First Mover‘ wie uns nicht zu benachteiligen“.

Auch die Oberflächenbranche kennt diese Situation. Unternehmen, die früh auf energieeffiziente Anlagen, Wärmerückgewinnung, emissionsärmere Prozesse oder alternative Chemikalien setzen, müssen erhebliche Investitionen tätigen. Gleichzeitig konkurrieren sie mit Anbietern, die unter niedrigeren Energie-, Umwelt- oder Sozialstandards produzieren.

Wer früh investiert, hat dadurch nicht automatisch einen Marktvorteil. In vielen Fällen steigen zunächst lediglich die Kosten. Ohne entsprechende Nachfrage, Förderung oder regulatorische Entlastung können Vorreiter sogar gegenüber diesbezüglich weniger ambitionierten Wettbewerbern ins Hintertreffen geraten.

Deshalb ist auch die Forderung der Stahlunternehmen relevant, Einnahmen aus dem Emissionshandel gezielt in die industrielle Dekarbonisierung zurückzuführen. Für die Oberflächenbranche müssten solche Programme allerdings auch für mittelständische Unternehmen erreichbar sein. Benötigt werden keine ausschließlich auf Großprojekte zugeschnittenen Förderinstrumente, sondern praktikable Hilfen für konkrete Investitionen in Anlagen, Energieversorgung und Prozesstechnik.

CBAM löst nur einen Teil des Problems

Der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus CBAM soll verhindern, dass emissionsintensive Importe einen ungerechtfertigten Kostenvorteil gegenüber europäischen Produkten erhalten. Die Stahlhersteller betrachten den Mechanismus und die vorgesehenen Zollkontingente als wichtige Schritte.

Sie betonen jedoch, dass die Reform des EU-ETS das „letzte erforderliche Puzzleteil“ sei, um sicherzustellen, dass Europa gleichzeitig dekarbonisieren und eine starke industrielle Basis erhalten könne.

Für die Oberflächenbranche bietet CBAM ebenfalls nur begrenzten Schutz. Viele beschichtete Bauteile, Baugruppen oder Maschinen gelangen als weiterverarbeitete Produkte in die EU. Die darin enthaltenen Energie- und CO₂-Kostenvorteile ausländischer Produktionsstandorte lassen sich nur schwer vollständig erfassen.

Hinzu kommt das Exportproblem. Europäische Unternehmen müssen sich auf internationalen Märkten gegen Wettbewerber behaupten, die keiner vergleichbaren CO₂-Belastung unterliegen. Eine reine Absicherung gegenüber bestimmten Importen gleicht diesen Nachteil nicht aus.

Klimaschutz oder Wettbewerbsfähigkeit ist die falsche Alternative

Besonders treffend fasst Lakshmi Mittal die politische Entscheidung zusammen:

„Die Entscheidung, vor der sie stehen, ist nicht die zwischen Klimazielen und Wettbewerbsfähigkeit.“ Vielmehr gehe es um die Wahl zwischen zwei unterschiedlichen Klimastrategien:

„Die Entscheidung ist die zwischen einer Klimastrategie, die Europas Widerstandsfähigkeit und wirtschaftliche Sicherheit stärkt, und einer, die diese untergräbt.“

Eine Klimapolitik, die energieintensive Produktion aus Europa verdrängt, senkt nicht die globalen Emissionen. Sie kann stattdessen dazu führen, dass dieselben Produkte an anderen Standorten unter niedrigeren Umweltstandards hergestellt und anschließend nach Europa transportiert werden. Dann verliert Europa industrielle Wertschöpfung, technisches Know-how und Arbeitsplätze, ohne dass der weltweite Klimanutzen entsprechend steigt. Eine erfolgreiche Transformation muss deshalb beides sichern: sinkende Emissionen und eine wettbewerbsfähige industrielle Produktion.

Fazit: Der Stahl-Appell ist ein Warnsignal für alle

Der Reformaufruf von ArcelorMittal, thyssenkrupp Steel und voestalpine sollte in der Oberflächenbranche aufmerksam verfolgt werden. Stahl steht am Anfang vieler industrieller Wertschöpfungsketten.  Die Forderung nach einem „Realitätscheck“ des EU-Emissionshandels ist deshalb nicht allein als Interessenvertretung dreier Stahlkonzerne zu verstehen. Sie verweist auf einen grundsätzlichen Widerspruch der europäischen Industriepolitik: Unternehmen sollen schneller investieren und dekarbonisieren, während steigende laufende Belastungen ihre Investitionsfähigkeit zunehmend einschränken.

Eine Reform des ETS wäre daher nicht nur eine Maßnahme zugunsten der Stahlindustrie. Sie wäre eine Entscheidung darüber, ob Europa Klimaschutz mit industrieller Wertschöpfung verbinden kann – oder ob die Transformation am Ende vor allem in einer Verlagerung von Produktion weg von Europa besteht.

 

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