ZVO-Oberflächentage 2026: Konkret an der Zukunft arbeiten

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569 Teilnehmer, rund 70 Aussteller und ein Programm mit 95 Fachbeiträgen: Die erstmals in Karlsruhe ausgerichteten ZVO-Oberflächentage zeigten eine Branche, die sich ihrer schwierigen Rahmenbedingungen bewusst ist – aber zugleich sehr konkret an ihrer Zukunft arbeitet. Künstliche Intelligenz rückte dabei endgültig aus der Theorie in die betriebliche Praxis. Zugleich bestimmten Automatisierung, Ressourceneffizienz, Kreislaufwirtschaft, Energie, Regulierung und neue Geschäftsfelder die Diskussionen.

Vom 16. bis 18. September traf sich die Galvano- und Oberflächentechnik erstmals in der frisch modernisierten Stadthalle Karlsruhe. 569 Teilnehmer zeigen, dass die ZVO Oberflächentage auch in schwierigen Zeiten eine hohe Wichtigkeit in der Branche haben. 70 Aussteller präsentierten teils mit für eine Vortragsveranstaltung aufwändigen Exponaten ihr Portfolio und standen für Fachgespräche bereit. Das Vortragsprogramm lief in fünf parallelen Sessions ab, KI und Automatisierung, Rohstoff- und Energieeffizienz, neue Oberflächentechnologien sowie die strategische Zukunftsfähigkeit der Unternehmen waren zentrale Themen.

Für ZVO-Vorstandsvorsitzenden Jörg Püttbach steht dabei nicht allein die fachliche Information im Vordergrund. „Die Oberflächentage sind und bleiben die Veranstaltung der Branche“, bilanzierte er im Gespräch mit mo. Gerade der Austausch entlang der gesamten Lieferkette – zwischen Beschichtern, Chemie- und Anlagenlieferanten, Forschung, Kunden und Wettbewerbern – sei ein wesentlicher Wert des Kongresses. Die Galvano- und Oberflächentechnik komme hier einmal im Jahr in außergewöhnlicher Dichte zusammen.

KI wird vom Zukunftsthema zum Werkzeug

Wie deutlich sich dabei die Prioritäten verschieben, zeigte bereits der Eröffnungsabend. Torsten J. Koerting stellte seine Keynote unter das Motto „KI im Mittelstand: Nicht Zukunftsmusik, sondern Wettbewerbsvorteil“. Statt abstrakter Zukunftsszenarien standen Anwendungen aus dem industriellen Alltag im Mittelpunkt – beispielsweise beschleunigte Angebotskalkulation, intelligente Datenanalyse oder die Sicherung von Erfahrungswissen.

Am folgenden Morgen wurde daraus unmittelbar praktische Arbeit. Der auf 80 Plätze begrenzte Workshop „KI-Kompass für den Mittelstand“ war gut gefüllt. Das Konzept zielte bewusst nicht auf umfangreiche KI-Strategiepapiere, sondern auf die Frage, welche Engpässe es im Unternehmen gibt, diese zu definieren und dann erst KI-Anwendungsperspektiven einzuführen.  

Püttbach sieht sehr deutlich, dass KI zunehmend näher an die Unternehmen heranrückt und deutlich an Praxisbezug gewinnt. Gerade für kleinere Betriebe bleibe es zwar anspruchsvoll, sinnvolle Anwendungsfelder zu identifizieren und Ressourcen für deren Umsetzung bereitzustellen. Gleichzeitig sieht Püttbach erhebliche Potenziale – etwa bei der Automatisierung von Produktions- und Verwaltungsprozessen sowie bei der Reduzierung von Kosten. Sein Rat an Unternehmen, die sich bislang kaum mit KI beschäftigt haben, fällt entsprechend eindeutig aus: Das Thema sollte jetzt systematisch angegangen werden.

Auch das Fachprogramm bestätigte diese Entwicklung. KI-basierte Auswertung von Prozessdaten bei Cr(III)-Verfahren, automatisierte Qualitätssicherung bereits vor der Beschichtung, die Sicherung von Erfahrungswissen oder intelligente Galvanikprozesse mit automatisierter Parametersteuerung zeigten, dass KI zunehmend mit konkreten galvanotechnischen Aufgaben verknüpft wird. Digitalisierung war damit weniger Selbstzweck als vielmehr Werkzeug für Qualität, Effizienz und Prozesssicherheit.

Effizienz, Kreisläufe und Versorgung werden zum Wettbewerbsfaktor

Ein zweiter klarer Schwerpunkt zog sich durch zahlreiche Vortragsreihen: der effizientere Umgang mit Energie und Rohstoffen. Das Spektrum reichte von der Rückgewinnung Seltener Erden sowie Nickel und Kobalt aus Batteriematerialien über Kreislaufführung bei der Kunststoffmetallisierung bis zu energieeffizienten Reinigungs-, Trocknungs- und Beschichtungsprozessen. Auch automatisierte Anlagenkonzepte und eine verbesserte Prozessüberwachung zielten häufig darauf, Ausschuss, Energieverbrauch und Ressourceneinsatz gleichzeitig zu reduzieren.

Am Freitag wurde diese Linie unter anderem mit den Themen Energie(systeme) der Zukunft, Automatisierung, Zirkularität und Wasserstoff fortgeführt. Beiträge zu Wärmepumpentrocknung, Netzqualität, geschlossenen Zink-Nickel-Kreisläufen oder galvanotechnischen Komponenten für Elektrolyseure machten deutlich, wie eng Oberflächentechnik inzwischen mit den übergeordneten Fragen von Energieeffizienz, Rohstoffsicherung und zukünftigen Energiesystemen verbunden ist.

Daneben hatten Themen wie Brandschutz, Versicherbarkeit, Cyberangriffe, Schadensanalytik und regulatorische Entwicklungen ungewöhnlich viel Raum. Auch das ist ein Signal: Zukunftsfähigkeit wird in der Oberflächentechnik längst nicht mehr allein über die Leistungsfähigkeit einer Beschichtung definiert. Produktionssicherheit, Daten, Energie, Personal, regulatorische Anforderungen und die Resilienz kompletter Unternehmen gehören zunehmend zum selben Gesamtbild.

Püttbach: Industrieller Standort steht unter erheblichem Druck

So positiv die Resonanz auf die Oberflächentage ausfiel, so deutlich beschrieb Püttbach im mo-Gespräch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Aus seiner Sicht steht die industrielle Fertigung in Deutschland stark unter Druck. Hohe Energie-, Arbeits- und Sozialkosten sowie Bürokratie und regulatorische Anforderungen belasteten insbesondere den Mittelstand. Für die Galvano- und Oberflächentechnik kämen chemikalienrechtliche und umweltpolitische Fragestellungen etwa rund um REACH, Chrom(VI), PFAS sowie europäische Industrie- und Emissionsregeln hinzu.

Besonders aufmerksam beobachtet der Verband dabei die Entwicklung wichtiger Abnehmerindustrien. Für viele Oberflächenbetriebe spielt insbesondere die Automobilindustrie eine zentrale Rolle. Wenn Produktionskapazitäten verlagert würden, so Püttbach, könne dies für Zulieferer unmittelbar bedeuten, ihren Kunden ins Ausland folgen zu müssen oder Geschäft zu verlieren. Der ZVO fordert deshalb unter anderem wettbewerbsfähige Energiekosten, eine Reduzierung bürokratischer Belastungen und eine Regulierung, die die Folgen für mittelständische Unternehmen stärker berücksichtigt.

„Made in Germany“ soll der Branche ein Gesicht geben

Genau hier setzt eine neue Initiative an, die der ZVO während der Oberflächentage gestartet hat. Unter dem Leitmotiv „Made in Germany“ soll die politische Verbandsarbeit künftig stärker durch Öffentlichkeitsarbeit flankiert werden. Im Zentrum steht die Frage, unter welchen Bedingungen industrielle Produktion auch künftig tatsächlich in Deutschland stattfinden kann.

Bemerkenswert ist dabei der Ansatz: Die Kommunikation soll ausdrücklich nicht nur vom Verband ausgehen. Unternehmer, Geschäftsführer, Beschäftigte und Auszubildende sollen ihre eigenen Erfahrungen und Positionen über soziale Medien sichtbar machen. Der ZVO will dafür Hilfestellung bei Formulierungen und Hintergründen anbieten, zugleich aber keine vorgefertigten Meinungen vorgeben. Nach Püttbachs Vorstellung sollen auf diese Weise die Menschen hinter der industriellen Wertschöpfung stärker sichtbar werden und der öffentlichen Diskussion um den Industriestandort ein konkreteres Gesicht geben.

Viel Problemdruck – aber auch viel Bewegung

Die ZVO-Oberflächentage 2026 vermittelten damit ein vielschichtiges Bild: Die wirtschaftlichen und regulatorischen Herausforderungen werden in all ihrer Problematik wahrgenommen und keineswegs beschönigt. Gleichzeitig sucht die Branche sehr konkret nach Antworten, dem standhalten zu können.

Gerade diese Mischung aus technischer Detailarbeit, unternehmerischen Fragestellungen und intensiver Vernetzung war auch in diesem Jahr inhaltlich eine Stärke der Oberflächentage.

Einen ausführlichen Nachbericht zu den ZVO-Oberflächentagen 2026 mit Details zu den Vortragsthemen, Themen und Stimmen aus Karlsruhe lesen Sie in Kürze online auf oberflaeche.de sowie in der mo 6/2026.

 

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