Die Galvano- und Oberflächentechnik bleibt eine Schlüsseltechnologie für industrielle Wertschöpfung – doch der wirtschaftliche und regulatorische Druck auf die Branche nimmt weiter zu. Der ZVO-Jahresbericht 2025 zeichnet ein deutlich angespanntes Bild: Schwache Hauptabnehmerbranchen, hohe Energie- und Rohstoffkosten, zurückhaltende Investitionen, Produktionsverlagerungen und die ungeklärte Zukunft zentraler Prozesschemikalien belasten die überwiegend mittelständisch geprägten Unternehmen. Gleichzeitig zeigt der Bericht, dass die Branche technologisch keineswegs an Bedeutung verliert. Im Gegenteil: Elektromobilität, Leistungselektronik, Medizintechnik, Luft- und Raumfahrt, Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz sind ohne leistungsfähige Oberflächentechnologien unmöglich. Der Widerspruch ist frappierend: Die technologische Relevanz der Oberflächentechnik steigt, während sich die Standortbedingungen in Deutschland und Europa weiter verschlechtern.
Umsatzrückgang und sinkende Beschäftigung
Nach den im Jahresbericht ausgewerteten Daten erzielten die 3.234 statistisch erfassten Betriebe der Branche im Jahr 2024 einen nominalen Umsatz von rund 13 Milliarden Euro. Das entsprach einem Rückgang von 1,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr – bereits das zweite Jahr in Folge mit sinkenden Umsätzen. Auch die Zahl der Mitarbeiter sank um 1,9 Prozent auf 57.030. Der ZVO weist darauf hin, dass sich die Branche damit erneut schlechter entwickelte als die Gesamtwirtschaft. Hier wirkt sich die schwache Entwicklung der zentralen Abnehmerindustrien, vor allem des Automobil- und Maschinenbaus, aus. Hinzu kommen hohe Energiepreise am Standort Deutschland, international gestiegene Rohstoffpreise, eine belastende Energiepolitik, die in Brüssel und Deutschland praktizierte Umwelt- und Chemikalienpolitik sowie ein weiter ausufernder Bürokratismus.
Schwache Industrie belastet die Branche
Die allgemeine konjunkturelle Lage verschärft den Druck zusätzlich. Der Jahresbericht spricht von einer nur scheinbar stabilen Weltwirtschaft und einer weiter schwachen deutschen Industrie. Deutschland konnte 2025 nach zwei Rezessionsjahren zwar ein leichtes Wachstum verzeichnen – dieses wurde aber fast ausschließlich vom privaten Konsum getragen. Die Exportleistung ging erneut zurück, zentrale Exportbereiche wie Kraftfahrzeuge und -teile, Maschinen sowie chemische Erzeugnisse verzeichneten Rückgänge. Auch im Verarbeitenden Gewerbe setzte sich der Abwärtstrend fort.
Für eine zulieferorientierte Branche wie die Oberflächentechnik ist diese Entwicklung besonders problematisch, denn sie hängt unmittelbar an der industriellen Produktion ihrer Kunden. Wenn zentrale Abnehmerbranchen schwächeln, Investitionen verschieben oder Fertigungskapazitäten abbauen, schlägt dies zeitversetzt, auf Beschichter, Chemielieferanten, Anlagenbauer und Dienstleister durch.
ZVO-Mitglieder: fragile Erholung erwartet
Noch deutlicher wird der Marktdruck im Blick auf die ZVO-Mitgliedsunternehmen. Sie erzielten 2025 einen Umsatz von knapp über 2 Milliarden Euro, ein moderates Minus von 0,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für 2026 erwarten die befragten Mitgliedsunternehmen zwar wieder einen Umsatzanstieg um 3 Prozent auf rund 2,1 Milliarden Euro. Die Lage wird jedoch als fragil angesehen. 2025 beschäftigten die ZVO-Mitgliedsunternehmen mit 19.169 Mitarbeitern 2,2 Prozent weniger als im Vorjahr. Die durchschnittliche Kapazitätsauslastung lag zu Beginn des Jahres 2026 bei 84 Prozent und damit nahezu auf Vorjahresniveau.
Zugleich bleibt die Abhängigkeit von wenigen Schlüsselbranchen hoch: Die wichtigsten Abnehmerbranchen der ZVO-Mitglieder waren 2025 die Automobilindustrie mit 31,26 Prozent, der Maschinen- und Anlagenbau mit 18,05 Prozent und die Oberflächentechnik selbst mit 8,75 Prozent. Es folgen Elektrotechnik und Elektronik, Luft- und Raumfahrt sowie die Bauindustrie.
Chemie und Anlagen als Frühindikator
Besonders auffällig ist die Entwicklung im ZVO-Fachbereich Chemie und Anlagen, der traditionell als Frühindikator für technologische und wirtschaftliche Entwicklungen im Markt gilt. Er verzeichnete 2025 einen drastischen Umsatzrückgang von insgesamt 15 Prozent. Besonders stark betroffen war der Bereich Anlagen und Komponenten mit einem Minus von 39 Prozent. Der Gesamtumsatz des Fachbereichs belief sich auf 500 Millionen Euro, davon 114 Millionen Euro im Anlagenbau und bei Komponenten sowie 386 Millionen Euro im Bereich Chemie. Investitionen in Neuanlagen gingen um 22 Prozent zurück, Umsätze aus Umbauten sanken um 17 Prozent.
Das zeigt, dass viele Unternehmen nicht nur im laufenden Geschäft unter Druck stehen, sondern auch bei Investitionen in Kapazität und Modernisierung vorsichtiger agieren. Genau das ist industriepolitisch fatal: Eine Branche, die technologisch immer anspruchsvollere Aufgaben übernehmen soll, wird durch schlechte Rahmenbedingungen daran gehindert, in moderne Anlagen, Prozesssicherheit, Automatisierung und neue Verfahren zu investieren.
Abwanderung trifft ganze Lieferketten
Insbesondere warnt der ZVO vor einer sich beschleunigenden Beschaffungs- und Produktionsverlagerung. Als größte Herausforderungen im unternehmerischen Alltag nannten die befragten Unternehmen Umsatzrückgänge aufgrund ausbleibender oder rückläufiger Auftragseingänge, behördliche Auflagen und Energiepreise. Fast drei Viertel der befragten Unternehmen stellten zudem eine Beschaffungsverlagerung ihrer Kunden ins Ausland aufgrund von Kostensteigerungen fest. Eine Verlagerung im Zusammenhang mit REACH berichteten 31 Prozent der Unternehmen – ein deutliches Warnsignal.
Noch schärfer fällt die Einschätzung für die kommenden Jahre aus: Die Unternehmen erwarten für 2026 überwiegend ein anhaltend schwaches Marktumfeld und weitere Produktionsverlagerungen ihrer Kunden ins Ausland. Deutschland werde mittelfristig nicht mehr als Wachstumsmarkt eingeschätzt. Betriebsschließungen und Unternehmenszusammenschlüsse tragen nach Darstellung des Berichts zusätzlich zu einer weiteren Schrumpfung des Inlandsmarktes bei.
Damit bestätigt der Jahresbericht eine zentrale Befürchtung: Durch eine Kombination aus hohen Kosten, unsicherer Energiepolitik, immer neuen Auflagen und kaum noch beherrschbarer Regulierung wird industrielle Wertschöpfung aus Deutschland und Europa herausgedrängt. Das betrifft nicht mehr nur einzelne Lohnbeschichter, sondern ganze Lieferketten. Wenn Automobilhersteller, Maschinenbauer oder Elektronikunternehmen ihre Fertigung verlagern, folgt die Nachfrage nach Beschichtungsleistungen zeitversetzt. Die Folge ist ein schleichender Verlust industrieller Substanz, der sich nicht allein durch neue Nischen oder einzelne Wachstumsmärkte kompensieren lässt.
Automobiltransformation verändert die Nachfrage
Besonders sichtbar wird dieser Strukturwandel in der Automobilindustrie. Sie bleibt trotz anhaltenden Drucks die wichtigste Abnehmerbranche der Galvanotechnik. Gleichzeitig befindet sie sich in einem tiefgreifenden Übergang. Klassische Verbrennerkomponenten wie Einspritzsysteme, Abgaskomponenten oder bestimmte mechanische Präzisionsteile verlieren an Bedeutung. Dafür entstehen neue Anforderungen rund um Elektromobilität, Hochvolt-Anwendungen, Leistungselektronik, Batteriekomponenten und Kontakttechnik.
Benötigt werden beispielsweise elektrisch leitfähige Beschichtungen auf Basis von Kupfer, Zinn, Silber oder Nickel, selektive Funktionsbeschichtungen, Beschichtungen von Aluminiumsubstraten und besonders zuverlässige Kontaktoberflächen. Der Bericht fasst den Wandel treffend zusammen: Der Trend geht zu weniger Stückzahlen klassischer Teile, dafür zu mehr Know-how pro Teil. Die Oberflächentechnik muss in der Folge früher in Entwicklungsprozesse eingebunden werden und neue Kompetenzen aufbauen, weil Simulationen, Validierungen und Lebensdauerprüfungen wichtiger werden. Wer hier teilhaben will, muss sich vom Lohnbeschichter zum Entwicklungspartner weiterentwickeln.
Transformation braucht Investitionen
Diese Transformation bringt Chancen, aber auch Risiken. Höhere technische Anforderungen können zu höherer Wertschöpfung pro Bauteil führen. Zugleich erfordern sie Investitionen in Verfahrenstechnik, Qualitätssicherung, Prozessüberwachung, Personal und Entwicklungskompetenz. Genau diese Investitionen werden aber durch schwache Märkte, hohe Energiekosten und unsichere regulatorische Rahmenbedingungen erschwert.
Das ist einer der gravierendsten Widersprüche der aktuellen Industriepolitik: Von den Unternehmen wird erwartet, dass sie Transformation, Dekarbonisierung, Digitalisierung, Substitution und Prozessinnovation gleichzeitig leisten. Zugleich werden ihnen durch Kostenbelastung, Bürokratie und regulatorische Unsicherheit die wirtschaftlichen Grundlagen entzogen, auf denen solche Investitionen überhaupt erst möglich wären. Hinzu kommt: Die Nachfrage im Defence-Sektor nimmt zwar zu, kann den Bedeutungsverlust der Automobilindustrie aber bei weitem nicht kompensieren.
REACH, PFAS und Chrom(VI): Regulierung als Standortfrage
Der Jahresbericht macht außerdem deutlich, dass Industriepolitik heute in erheblichem Umfang im Umwelt- und Chemikalienrecht stattfindet. Besonders intensiv beschäftigten den ZVO 2025 die Reform der Industrieemissionsrichtlinie, die Weiterentwicklung der REACH-Verordnung und das laufende PFAS-Beschränkungsverfahren. Der ZVO fordert in diesem Zusammenhang, dass Vorgaben technisch machbar, wirtschaftlich tragfähig und mittelstandsgerecht ausgestaltet werden.
Bei REACH, Chrom(VI) und PFAS tritt der Verband deshalb für eine differenzierte, risikobasierte Regulierung ein. Pauschalverbote ohne Blick auf technische Alternativen oder internationale Wettbewerbswirkungen lösen keine Umweltprobleme, sondern verlagern Wertschöpfung. Damit besteht die Gefahr, dass Europa sich selbst industrielle Kapazitäten nimmt, während die entsprechenden Produkte und Vorleistungen anschließend aus Regionen importiert werden, in denen Umwelt-, Sozial- und Arbeitsschutzstandards nicht europäischen Maßstäben entsprechen.
PFAS-Debatte braucht Differenzierung
Besonders deutlich wird das beim Thema PFAS, wo der ZVO vor einer verkürzten Debatte warnt, denn PFAS sind nicht gleich PFAS. Der Verband fordert daher differenzierte Lösungen, realistische Übergangsfristen und klare Ausnahmen für essenzielle industrielle Anwendungen. Regulierung darf nicht allein vom Stoffnamen ausgehen, sondern muss konkrete Anwendungen, Expositionen, Risiken, Alternativen und industrielle Folgen berücksichtigen.
Gerade hier entscheidet sich, ob europäische Regulierung technische Realität ernst nimmt oder ob sie aus politischem Symbolismus heraus funktionierende industrielle Prozesse beschädigt. Eine Chemikalienpolitik, die essenzielle Anwendungen ohne verfügbare Alternativen blockiert, schützt am Ende nicht die Umwelt, sondern zerstört Produktionsmöglichkeiten am Standort Europa.
EU-Vorgaben dürfen Wertschöpfung nicht verlagern
Auch in der Industrieemissionsrichtlinie und den BREF-Dokumenten sieht der ZVO erhebliche Bedeutung für die Zukunft der Branche. Diese Vorgaben entscheiden in der Praxis über Genehmigungen, Investitionen und betriebliche Spielräume. Wenn Grenzwerte, Stand-der-Technik-Anforderungen oder Genehmigungsbedingungen ohne ausreichende technische und wirtschaftliche Realitätsprüfung festgelegt werden, können sie gerade mittelständische Unternehmen überfordern. Deshalb bringt sich der Verband in nationale Umsetzungsprozesse und europäische Verfahren ein.
ZVO fordert mehr Gewicht in Berlin und Brüssel
Die politische Zuspitzung findet sich auch im Interview mit ZVO-Vorstandsvorsitzendem Jörg Püttbach und ZVO-Hauptgeschäftsführer Christoph Matheis. Beide sehen eine zentrale Aufgabe des Verbandes darin, der mittelständisch geprägten Oberflächenbranche als politisches Sprachrohr in Berlin und Brüssel mehr Gehör zu verschaffen. Püttbach betont, dass der ZVO viel erreicht habe, aber der Weg noch lang sei. Mit dem neuen politischen Leiter Lukas Hanstein soll die Stimme der Branche in Berlin und Brüssel nun zusätzliches Gewicht erhalten.
Matheis beschreibt die kurz- und mittelfristigen Aufgaben besonders klar: Zunächst gehe es darum, die Unternehmen dabei zu unterstützen, die Wirtschaftskrise zu überstehen. Politisch nennt er ausdrücklich das Bekämpfen von Chemieverboten, den Abbau von Bürokratisierung, sichere und günstige Energie sowie bezahlbare Sozialsysteme als Ziele. Der Ton ist dabei unmissverständlich: Die Branche leidet nicht nur unter einer schwachen Konjunktur, sondern wird durch politisch verschärfte Standortnachteile zusätzlich belastet.
Zugleich verweist Matheis auf den Branchennachwuchs. 983 Auszubildende in den beiden Ausbildungsberufen Oberflächenbeschichter und Verfahrensmechaniker für Beschichtungstechnik seien angesichts eines drohenden Fachkräftemangels viel zu wenig. Damit wird deutlich: Die Branche kämpft nicht nur um Aufträge und Genehmigungen, sondern auch um Menschen, die ihre anspruchsvollen Technologien künftig beherrschen.
Fachkräfte und Forschung werden zum Zukunftsfaktor
Das Interview mit Prof. Dr. Andreas Bund von der TU Ilmenau ergänzt diese Perspektive um die wissenschaftlich-technische Dimension. Bund erinnert daran, dass die Zahl der Elektrochemie-Lehrstühle in Deutschland seit 1990 deutlich zurückging. Er verweist zudem auf die schwache Anziehungskraft von MINT-Fächern – für die Branche ein strategisches Problem: Ohne wissenschaftlich ausgebildete Fachkräfte wird es schwer, Substitution, neue Beschichtungssysteme, Prozessdigitalisierung, Analytik, Energieeffizienz und neue Funktionsoberflächen weiterzuentwickeln.
Auch hier zeigt sich ein politisch kaum zu überschätzendes Risiko. Wer industrielle Schlüsseltechnologien im Land halten will, muss nicht nur über Energiepreise und Genehmigungen sprechen, sondern auch über Ausbildung, Hochschulstandorte und angewandte Forschung. Wenn Fachwissen verloren geht, lässt es sich nicht ohne Weiteres durch Förderprogramme oder politische Absichtserklärungen zurückholen.
KI, PCF und Ressourceneffizienz als weitere Zukunftsthemen
Damit verdichtet sich der Jahresbericht zu einer klaren Zukunftsdiagnose. Die Galvano- und Oberflächentechnik kämpft mit einer Überlagerung mehrerer Transformationsprozesse. Konjunkturell belasten schwache Abnehmermärkte, insbesondere Automobil- und Maschinenbau. Strukturell drohen Schrumpfung und Abwanderung industrieller Wertschöpfung. Technologisch müssen Unternehmen neue Anwendungen in Elektromobilität, Elektronik, Batteriespeichern, Medizintechnik und nachhaltigen Produktkonzepten erschließen. Regulatorisch stehen REACH, PFAS, Chrom(VI), IED und BREF für einen zunehmenden Druck aus Brüssel und Berlin. Personell fehlen zunehmend Fachkräfte, Auszubildende und akademischer Nachwuchs.
Gleichzeitig entstehen Chancen durch KI-gestützte Prozessführung, digitale Qualitätssicherung, ressourceneffiziente Verfahren und eine stärkere europäische Interessenvertretung. Die Branche kann Effizienz steigern, Prozesse stabilisieren, Ressourcen schonen und neue Anwendungen erschließen. Doch auch dafür braucht sie verlässliche Rahmenbedingungen, Investitionsspielräume und politische Entscheidungen, die industrielle Realität nicht ignorieren.
Fazit: Technologisch unverzichtbar - trotzdem fehlt politische Unterstützung
Die Branche ist technologisch unverzichtbar, bleibt aber den politischen und wirtschaftlichen Standortbedingungen in besonderem Maße ausgeliefert. Die Zukunft hängt nicht allein von neuen Verfahren ab, sondern auch an der Frage, ob Deutschland und Europa künftig noch industrielle Produktion zu wettbewerbsfähigen Bedingungen ermöglichen wollen.
Ohne bezahlbare Energie, beherrschbare Bürokratie, realistische Chemikalienpolitik und genügend Fachkräfte droht eine sich beschleunigende Verlagerung industrieller Wertschöpfung – und in der Folge ein zunehmender Wohlstandsverlust in Deutschland und Europa. Wer diesen Prozess politisch weiter befördert oder schönredet, nimmt nicht nur die Schwächung einzelner Branchen in Kauf, sondern gefährdet die industrielle Basis, auf der Beschäftigung, Innovationsfähigkeit und wirtschaftliche Stabilität in Europa beruhen.
CB


