PFAS-Regulierung: Wenn Vorsorge zum Industrieexperiment wird

Anzeige Top-Story | Erstellt von CB

PFAS lassen sich ersetzen – zumindest teilweise. Doch aktuelle Arbeiten des Fraunhofer ILT zeigen, welchen technologischen Kraftakt allein die Substitution von PTFE auslösen kann. Gleichzeitig ist die wissenschaftliche Grundlage der PFAS-Debatte weniger eindeutig, als es der Begriff „Ewigkeitschemikalien“ vermuten lässt. Zahlreiche gesundheitliche Effekte sind statistisch assoziiert, ohne abschließend belegte Kausalität. Bei Fluorpolymeren wie PTFE sind die Wissenslücken noch größer. Europa muss deshalb die Frage beantworten, wie weit Vorsorge gehen darf, wenn die industriellen Konsequenzen sehr konkret sind.

PFAS-frei ist mit viel Aufwand möglich - so könnte man aktuelle Forschungsarbeiten des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT zusammenfassen. Projekte wie RePEEK, EPOS oder LEMBAS zeigen, dass es möglich ist, für bislang PFAS-haltige Funktionsschichten Alternativen zu entwickeln. Doch das lässt sich keinesfalls pauschal verallgemeinern. PFAS-haltige Materialien werden häufig genau dort eingesetzt, wo Bauteile besonders stark beansprucht werden. Sie reduzieren Reibung, schützen vor Verschleiß und Korrosion oder verhindern Anhaftungen. Ein Ersatzstoff muss diese Eigenschaften nicht nur erreichen, sondern sich auch zuverlässig und wirtschaftlich verarbeiten lassen. Was regulatorisch nach einem Materialwechsel klingt, kann deshalb in der Fabrik die Neuerfindung eines kompletten Fertigungsprozesses bedeuten.

PTFE ersetzen – und den Prozess gleich mit

Im Projekt RePEEK entwickelt Fraunhofer beispielsweise einen Hybridprozess, um PEEK als mögliche Alternative zu PTFE-haltigen Gleitbeschichtungen einzusetzen. Dafür wird zunächst laserbasiert eine metallische Haftschicht erzeugt, anschließend PEEK aufgebracht und lokal aufgeschmolzen. Das ist technologischer Fortschritt. Es zeigt aber zugleich den Preis der Substitution: neue Werkstoffe, neue Beschichtungssysteme, neue Prozessparameter und neue Anlagen. Selbst eine Technologieschmiede wie Fraunhofer macht damit deutlich: PFAS zu ersetzen ist möglich – aber in der industriellen Breite alles andere als ein einfacher Stofftausch. Umso wichtiger ist die Frage, auf welcher wissenschaftlichen Grundlage ein solcher Kraftakt verlangt wird.

PFAS ist nicht gleich PFAS

Bei der gesundheitlichen Bewertung verschwimmen in der öffentlichen Wahrnehmung häufig drei Begriffe: Hinweis, Zusammenhang und Kausalität. Für PFOA und PFOS existieren ernstzunehmende epidemiologische Befunde, Tierversuche und Untersuchungen möglicher biologischer Wirkmechanismen. Die US-Gesundheitsbehörde ATSDR nennt beispielsweise Zusammenhänge mit Cholesterinwerten, Immunreaktionen, Geburtsgewicht und bestimmten Krebsarten. Gleichzeitig weist die Behörde darauf hin, dass kausale Zusammenhänge für diese gesundheitlichen Effekte nicht etabliert sind.

Das ist keine Nebensächlichkeit. Ein statistischer Zusammenhang bedeutet zunächst, dass bei stärker exponierten Menschen bestimmte Effekte häufiger auftreten. Er beweist noch nicht, dass der untersuchte Stoff deren Ursache ist. Daraus ablesen zu wollen, PFOA könnte am Ende harmlos sein, wäre aber ebenfalls falsch. Festzuhalten bleibt, die häufig vermittelte Gewissheit, Ursache und Wirkung seien wissenschaftlich eindeutig geklärt, stimmt nicht.

Auch „krebserzeugend“ ist differenzierter

Ähnliches gilt für die Krebsbewertung. Die Internationale Agentur für Krebsforschung IARC stuft PFOA als krebserzeugend für Menschen ein. Die Evidenz beim Menschen für Nierenzell- und Hodenkrebs bewertet sie allerdings trotzdem lediglich als begrenzt. Die Einstufung stützt sich zusätzlich auf Tierversuche und starke Hinweise auf biologische Wirkmechanismen. Bei PFOS gilt die Krebsevidenz beim Menschen sogar als unzureichend. Hinzu kommt: Die IARC bewertet grundsätzlich nur, ob ein Stoff überhaupt Krebs verursachen kann, nicht wie groß das reale Risiko bei einer bestimmten Exposition ist. Gefahr und tatsächliches Risiko sind nicht dasselbe.

In der politischen und öffentlichen Kommunikation verschwindet genau diese Differenzierung hinter der wesentlich eingängigeren Botschaft: PFAS sind gefährliche „Ewigkeitschemikalien“.

Und dann landet PTFE im selben Topf

Besonders problematisch wird diese Vereinfachung bei Fluorpolymeren wie PTFE. PFAS ist kein einzelner Stoff, sondern eine riesige Gruppe chemisch sehr unterschiedlicher Verbindungen. Zwischen kleinen, biologisch verfügbaren Molekülen wie PFOA und einem hochmolekularen Polymer wie PTFE bestehen erhebliche Unterschiede.

Selbst die Europäische Umweltagentur EEA weist darauf hin, dass PFAS-Polymere grundsätzlich als weniger toxisch gelten als nichtpolymere PFAS. Ihre großen Moleküle begrenzen die Aufnahme in lebende Zellen. Gleichzeitig räumt die Behörde erhebliche Wissenslücken hinsichtlich möglicher Auswirkungen von PTFE ein. Das ist bemerkenswert: Über einen Teil jener Stoffe, die Europa regulieren möchte, wissen wir hinsichtlich der gesundheitlichen Wirkung vergleichsweise wenig. Trotzdem stehen PFOA und PTFE unter demselben politisch hochwirksamen Begriff „Ewigkeitschemikalien“. Für seriöse wissenschaftliche toxikologische Betrachtungen ist diese Gleichsetzung nicht haltbar. Der Begriff „Ewigkeitschemikalie“ beschreibt zunächst die außergewöhnliche Beständigkeit vieler PFAS. Genau diese Stabilität macht sie technisch interessant und sorgt gleichzeitig dafür, dass sie in der Umwelt nur schwer abgebaut werden.

Persistenz ist nicht gleich Toxizität

Die regulatorische Argumentation geht deshalb weiter: Wenn sich persistente Stoffe über Jahrzehnte anreichern, könnten sich später erkannte Probleme kaum noch rückgängig machen lassen. Daraus folgt das Vorsorgeprinzip. Das ist argumentativ nicht grundlegend von der Hand zu weisen. Es führt aber zu einem Paradigmenwechsel: Reguliert wird nicht mehr ausschließlich eine nachgewiesene Schädlichkeit, sondern zunehmend auch eine mögliche zukünftige Schädlichkeit. Wissenschaftliche Unsicherheit bekommt damit regulatorisches Gewicht.

Eine bemerkenswerte Asymmetrie

Genau hier entsteht die eigentliche Schieflage. Bei mehreren gesundheitlichen Effekten selbst intensiv untersuchter PFAS ist die Kausalität nicht abschließend geklärt. Bei Fluorpolymeren bestehen noch größere Wissenslücken. Die Industrie muss dagegen immer detaillierter nachweisen, warum eine Anwendung weiterhin notwendig ist, warum Alternativen technisch nicht funktionieren und welche wirtschaftlichen Folgen eine Substitution hätte.

Für den regulatorischen Eingriff genügt die begründete Sorge vor einem langfristigen Risiko. Für die Ausnahme muss die Industrie ihre Notwendigkeit möglichst konkret beweisen.

Dabei ignoriert die ECHA die Unterschiede keineswegs vollständig. Sie diskutiert gezielte Ausnahmen und Maßnahmen zur Emissionsminderung. Gerade das zeigt aber, wie wenig die Realität mit der vereinfachten Vorstellung eines homogenen PFAS-Problems zu tun hat.

Bei Fluorpolymeren richtet sich der kritische Blick zunehmend auf deren Lebenszyklus: problematische Ausgangsstoffe, Polymerisationshilfsmittel, Produktionsnebenprodukte, Emissionen und Entsorgung. Das ist ohne Zweifel relevant. Es ist aber etwas anderes als der Nachweis, dass eine bestimmungsgemäß eingesetzte PTFE-Dichtung oder Gleitbeschichtung dasselbe Gefahrenprofil besitzt wie PFOA.

Damit stellt sich eine naheliegende Frage: Sollten nicht wesentlich konsequenter die problematischen Herstellungs- und Emissionswege reguliert werden, statt den fertigen Hochleistungswerkstoff pauschal über seine Stoffgruppenzugehörigkeit zu erfassen?

Emissionen lassen sich überwachen, Produktionshilfsstoffe begrenzen, Kreisläufe schließen und Entsorgungswege regulieren. Das wäre ebenfalls strenge Regulierung – aber eine zielgerichtetere.

Europas Wettbewerbsfähigkeit steht mit auf dem Spiel

Fraunhofer zeigt, was die Alternative bedeutet: neue Materialien, neue Beschichtungsverfahren, neue Anlagen und jahrelange Entwicklungsarbeit. Und selbst danach ist keineswegs garantiert, dass der Ersatz bei Lebensdauer, Leistungsfähigkeit und Kosten tatsächlich gleichwertig ist. Damit wird PFAS zur Standortfrage.

Andere Wirtschaftsräume verfolgen teilweise stärker stoff- oder anwendungsbezogene Regulierungsansätze. Wenn europäische Hersteller bestehende PTFE-Lösungen kostspielig ersetzen müssen, während internationale Konkurrenten etablierte Technologien weiter nutzen können, entsteht kein grüner Wettbewerbsvorteil, dafür ein Kostenunterschied. Besonders paradox wäre eine Verlagerung der Produktion in Länder mit schwächeren Umwelt- und Emissionsstandards. Europa hätte dann zwar weniger PFAS in der eigenen Industrie – global wäre möglicherweise wenig gewonnen.

Fazit: Das Risiko regulieren, nicht das Schlagwort

Die bekannten Umweltprobleme durch PFAS-Emissionen rechtfertigen Regulierung. Doch eine wissenschaftlich anspruchsvolle Chemikalienpolitik muss unterscheiden: zwischen statistischem Zusammenhang und Kausalität, zwischen Gefahr und tatsächlichem Risiko, zwischen niedermolekularen PFAS und Fluorpolymeren sowie zwischen einem fertigen Werkstoff und problematischen Emissionen seiner Herstellung.

Die Fraunhofer-Projekte zeigen, dass PFAS-freie Lösungen möglich sind. Sie zeigen aber ebenso deutlich, welchen technologischen und wirtschaftlichen Kraftakt Europa damit auslöst.

Die wissenschaftliche Unsicherheit liegt auf der Seite des Risikos – die technologischen und wirtschaftlichen Konsequenzen sind dagegen sehr real.

Deshalb darf das Vorsorgeprinzip nicht zur regulatorischen Gleichmacherei werden. Progressive Umweltpolitik sollte nicht möglichst viele Stoffe möglichst schnell verbieten, sondern das tatsächliche Risiko möglichst wirksam reduzieren. Und bevor Europa dafür etablierte Schlüsseltechnologien grundlegend umbaut, sollte möglichst genau geklärt sein, welches konkrete Problem mit diesem Kraftakt eigentlich gelöst werden soll.

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