Der Schlussspurt des Jahres 2025 fällt für die Oberflächenveredelungsbranche schwerer aus als gehofft. Die neue Mitgliederbefragung des VOA zeichnet ein wirtschaftliches Bild, das die Stimmung der gesamten deutschen Industrie widerspiegelt: Die Lage ist ernst, aber auch nicht ohne Lichtblicke. Gerade weil die Herausforderungen massiv sind, lohnt ein genauer Blick auf die Felder, in denen die Betriebe dennoch Stabilität beweisen – und auf jene Perspektiven, aus denen sich für 2026 Chancen ableiten lassen.
Ein schwieriges Jahr – und eine Konjunkturwende, die weiter auf sich warten lässt
Die volkswirtschaftliche Ausgangslage bleibt angespannt. Laut VOA-Erhebung kämpft die Branche im zweiten Halbjahr 2025 mit exakt denselben strukturellen Problemen, die schon seit vielen Monaten bremsen, dazu gehören besonders hohe Strom- und Gaspreise im internationalen Vergleich, eine schwache Auftragslage in der deutschen Industrie - also investitionszurückhaltung - und außerdem rückläufige Exportnachfrage. Wenig förderlich sind außerdem der trotz der konjunkturellen Eintrübung anhaltende Fachkräftemangel sowie demographische Engpässe, bei denen eine Verschärfung in den nächsten Jahren zu erwarten ist. Nicht zuletzt drücken die anhaltenden geopolitischen Unsicherheiten, die auch Rohstoffmärkte stark beeinflussen. Deshalb bleibt die seit längerem erhoffte deutliche konjunkturelle Erholung weiter aus.
Kapazitäten bleiben stabil – trotz schwieriger Rahmenbedingungen
Überraschend stabil zeigt sich jedoch in der Befragung ein zentraler Indikator: Die Kapazitätsauslastung liegt im zweiten Halbjahr 2025 bei 77 %, exakt auf dem Niveau der vorangegangenen Befragung im Mai 2025 – und interessanterweise damit auch auf dem Level des ersten Halbjahrs 2023. Das ist bemerkenswert, denn es zeigt, dass trotz widriger Marktbedingungen die Grundauslastung stabil geblieben ist. Zum Vergleich: Der Tiefpunkt lag im Herbst 2024 bei nur 68 %. Es lässt sich also tatsächlich eine Erholung erkennen.
Umsatz- und Auftragsentwicklung: breite Streuung statt Einbruch
Auch die Umsatzlage zeigt ein differenziertes Bild, immerhin 41 % der Unternehmen berichten stabile Umsätze, 32 % Umsatzrückgänge von etwa 9 Prozent. Immerhin 26 % freuen sich über Umsatzsteigerungen von im Durschnitt 21 %. Noch spannender ist der Blick auf den Auftragseingang: 41 % melden stabile Aufträge, 35 % Rückgänge und 24 % Zuwächse von durchschnittlich 15 %.
Damit entsteht ein inzwischen in vielen Branchen beobachtbares Muster, auch die Oberflächenbranche differenziert sich weiter aus. Während einige Unternehmen spürbar unter Druck geraten, gelingt es anderen, neue Märkte zu erschließen oder sich gegen die Flaute zu stemmen. Diese Spreizung spricht dafür, dass Innovationsgrad, Marktausrichtung und Spezialisierung zu immer wichtigeren Unterscheidungsmerkmalen werden.
Energiepreise bleiben „der“ beherrschende Faktor
Kaum etwas belastet die Oberflächenbetriebe so stark wie die Kostenstruktur bei Strom und Gas, 97 % der Unternehmen bewerten die Strompreise als sehr relevant, 88 % sagen gleiches über die Gaspreise. Mehr als die Hälfte (56 %) beschreibt die Energiepreisbelastung mittlerweile als erheblich – und 6 % sogar als existenzbedrohend.
Interessant ist jedoch: Sowohl die als „erheblich“ wie auch die als „mittelmäßig“ empfundenen Belastungen sind seit Mai 2025 jeweils um 17 % zurückgegangen. Das deutet darauf hin, dass sich einige Unternehmen zumindest partiell an die veränderte Kostenlandschaft angepasst haben – ob durch Energieeffizienzmaßnahmen, neue Einkaufsmodelle oder optimierte Produktionsplanung.
Arbeitsmarkt: Kurzarbeit steigt, Ausbildungsbereitschaft bleibt erstaunlich robust
Ein zentraler Trend des Jahres 2025 ist das Comeback der Kurzarbeit. Im Mai lag der Anteil der Unternehmen mit Kurzarbeit bei 6 %, im November 2024 bei 12 %, jetzt ist er auf 21 % angestiegen. Gleichzeitig mussten 21 % der Betriebe betriebsbedingte Kündigungen aussprechen – der dritte Anstieg in Folge. Und trotzdem gibt es einen positiven Befund, denn 2025 bildeten 47 % der Unternehmen aus – ein Plus von 8 % gegenüber Mai. Die Ausbildungsbereitschaft für 2026 sinkt zwar auf 38 %, bleibt aber im längerfristigen Vergleich (2021: 29 %) weiterhin erfreulich hoch.
Stimmung zum Jahresende und Ausblick
Die Einschätzung der eigenen Unternehmensentwicklung bis Jahresende sehen 32 % der Unternehmen positiv oder mittelmäßig, 29 % negativ, davon jeweils 3 % sehr positiv bzw. sehr negativ.
Verglichen mit dem Frühjahr 2025, wo es eine starke Dominanz des „mittelmäßig“ gab, lässt sich daraus durchaus eine leichte Stabilisierung ableiten – vor allem, weil der Anteil der sehr negativen Bewertungen konstant niedrig bleibt. Das zeigt: Viele Unternehmen halten Kurs, wenn auch auf rauer See.
Was bedeutet das für 2026?
Die Botschaft der Befragung ist zweigeteilt. Einerseits stehen die strukturellen Probleme – Energiepreise, Bürokratie, Demographie – unverändert auf der Agenda. Deutschland braucht hier spürbare Fortschritte, um seine Industrie langfristig zu stärken. Andererseits lässt sich aus den Daten ableiten, dass eine Grundstabilität vorhanden ist, immerhin bleibt die Auslastung über 75 % und auch die Auftragseingänge sind nicht eingebrochen. Ein Viertel der Unternehmen wächst sogar teils deutlich. Diese Spreizung zeigt Chancen auf, wenn es Unternehmen gelingt, sich neu auszurichten. Am Ende spricht das für eine hohe Bedeutung von Prozessinnovation, Qualitätsführerschaft und Effizienzsteigerung. Auch zeigt die Verschiebung der Bewertung der Energiebelastung, dass die in den letzten Jahren umgesetzten Optimierungen wirken – auch wenn natürlich die Energiepreise sich in einem gewissen Rahmen normalisiert haben. Dass trotz schwieriger Lage fast die Hälfte aller Unternehmen ausbildet, zeigt ein hohes Verantwortungsbewusstsein – und langfristiges Denken. Der VOA benennt bezahlbare Energie, Bürokratieabbau und Reformen im Sozial- und Arbeitsmarktbereich als dringende Handlungsfelder von Seiten der Politik. Gemeinsam mit BDI, BDA, vbw und ESTAL soll dieser Druck auch 2026 erhöht werden.
Fazit: Die Branche bleibt unter Druck – doch sie verliert nicht ihren Gestaltungsspielraum
2025 war kein Jahr der Erholung. Aber es war auch kein Jahr des Absturzes. Die Oberflächenveredelungsbranche zeigt eine bemerkenswerte Resilienz, investiert weiter in Ausbildung, stabilisiert ihre Kapazitäten und entwickelt sich im Wettbewerb zunehmend differenziert. Die Branche schaut realistisch nach vorn – aber nicht ohne Zuversicht.




