Die Branche steht unter Strom – im besten Sinne. Was noch vor wenigen Jahren als Zukunftsvision galt, ist heute in mehreren OEM-Werken bereits Realität: Der Wandel hin zu CO₂-reduzierten, teilweise sogar CO₂-neutralen Lackierprozessen. Angesichts steigender Energiekosten, verschärfter gesetzlicher Vorgaben und wachsendem Nachhaltigkeitsdruck vollzieht sich in der Lackiertechnik derzeit ein Paradigmenwechsel – technologisch und strategisch.
Dekarbonisierung wird systemisch gedacht
Ein entscheidender Treiber dieses Wandels: Der konsequente Verzicht auf fossile Energieträger in energieintensiven Prozessschritten. Beispielhaft zeigt sich dies unter anderem am Volkswagen-Werk im mexikanischen Puebla, wo Dürr eine voll elektrifizierte Lackieranlage als Turnkey-Projekt realisiert hat. Besonders der Umstieg auf elektrische Trocknungssysteme wie EcoInCure markiert einen Durchbruch. Wird der hierfür benötigte Strom aus Kai erneuerbaren Quellen gespeist, sinken die CO₂-Emissionen der Anlage um bis zu 40 Prozent im Vergleich zu konventionellen Systemen.
Auch bei der Abluftreinigung setzt man inzwischen auf elektrische Systeme wie Oxi.X.RV, die ohne offene Flamme auskommen und durch autothermen Betrieb besonders energieeffizient arbeiten. Der kombinierte Einsatz solcher Systeme zeigt, dass eine durchgängige Elektrifizierung energieintensiver Prozesse verstärkt im Fokus der OEMs liegt.
Flexibilisierung als Effizienztreiber
Ein weiterer Meilenstein in der CO₂-Strategie ist die Auflösung starrer Linienfertigung. Durch zentrale Hochregallager, fahrerlose Transportsysteme (EcoProFleet) und softwarebasierte Steuerung (DXQ) lassen sich Lackierprozesse heute dynamisch und modellübergreifend steuern. Der Clou: Die Prozesszeiten werden individuell auf die jeweilige Karosserie abgestimmt – das reduziert nicht nur Leerzeiten, sondern kann den Energieverbrauch im gesamten System deutlich senken.
Lackiertechnik als zentraler Hebel der CO₂-Reduktion
Was einst als Pionierleistung einzelner Anbieter begann, entwickelt sich zunehmend zu einem neuen Industriestandard. Die Automobilindustrie – gerne kritisiert für ihren ökologischen Fußabdruck – demonstriert hier, wie CO₂-Reduktion auch unter komplexen Fertigungsbedingungen gelingen kann. Und das mit wirtschaftlichem Kalkül: Denn moderne, softwaregestützte Systeme sorgen nicht nur für Energieeffizienz, sondern auch für mehr Prozessqualität und Flexibilität.
Die aktuellen Entwicklungen in der Automobil-Lackiertechnik zeigen: CO₂-Reduktion ist kein Add-on mehr, sondern integraler Bestandteil der Prozessarchitektur – von der Karosserietrocknung über Abluftreinigung bis zur Applikation. Wer in der Automobilbranche wettbewerbsfähig bleiben will, muss sich mit diesen Entwicklungen konstruktiv auseinandersetzen. Denn neben der unmittelbaren regulatorischen Konformität werden die Anforderungen der OEMs an ihre Zulieferer in dieser Richtung schnell weiter zunehmen.


