Die Automobilindustrie steht unverkennbar unter enormem Druck. Schwache Nachfrage, hohe Standortkosten, der harte Wettbewerb mit China, der stotternde Umstieg auf Elektromobilität und die laufenden teils massiven Sparprogramme großer OEMs wie Volkswagen zwingen die Branche dazu, Prozessschritte noch mehr auf Effizienz zu prüfen als je zuvor. Naturgemäß rückt dabei auch die Lackiererei noch weiter in den Fokus. Denn sie ist nicht nur technologisch anspruchsvoll, sondern auch einer der energieintensivsten Bereiche in der Fahrzeugproduktion.
Hebel zur Energieeinsparung
Wie groß der Hebel ist, zeigte das jüngste DFO Praxisforum Automobil- und Kunststofflackierung in Neuhausen a. d. F. deutlich. Nach Angaben von Surventis, ehemals BASF Coatings, entfallen bei einem Automobil-OEM mehr als 30 Prozent der CO₂-Emissionen in der Produktion auf die Lackiererei. Hinzu kommen rund 45 Prozent der Betriebsausgaben und ein Drittel der Investitionsausgaben. Wer also in der Fahrzeugproduktion Kosten senken und CO₂ reduzieren will, kommt an der Lackiererei nicht vorbei.
Ein zentraler Trend ist die präzisere Analyse des realen Energiebedarfs. Surventis nutzt dafür das Tool Glass, eine modulare Lebenszyklusanalyse für Lackierprozesse. Es berücksichtigt nicht nur Prozessdaten, sondern auch Standortfaktoren wie Klima, Energieeinsatz, Produktionsstruktur, Temperatur und Luftfeuchte. Gerade diese Klimadaten sind entscheidend, denn Lackierereien verbrauchen je nach Standort und Jahreszeit unterschiedlich viel Energie. Oder wie Tim Banik es formulierte: „Eine baugleiche Lackiererei verbraucht nicht überall gleich viel Energie.“
35 Prozent weniger Prozesskosten
Besonders interessant sind die Ergebnisse zur Ofentechnik. Nicht die kürzere Einbrennzeit bringt den größten Effekt, sondern die niedrigere Einbrenntemperatur. Schon eine Temperaturdifferenz von 20 Kelvin kann laut Surventis rund 16 Prozent Energie, 15 Prozent CO₂ und 13 Prozent Kosten einsparen. Wird die Einbrenntemperatur von 140 auf 85 Grad Celsius gesenkt, sinken die Prozesskosten um etwa 35 Prozent, der Energieverbrauch um 43 Prozent und die CO₂-Emissionen um 38 Prozent. In Zeiten, in denen OEMs milliardenschwere Sparprogramme auflegen, sind solche Werte strategische Produktionsfaktoren.
Ein weiterer Ansatz geht noch deutlich weiter: Lackfolien als Alternative zum klassischen Nasslackprozess. PPG sieht darin vor allem für Individualisierungen, Kontrastflächen, Frontpanels und funktionale Oberflächen großes Potenzial.
Bis zu 75 Prozent weniger Gasverbrauch
Auch die Vorreinigung bietet Einsparpotenzial. Powerwashanlagen arbeiten häufig bei rund 60 Grad Celsius. Zeller + Gmelin zeigte, dass sich Reinigungstemperaturen auf 20 bis 35 Grad senken lassen, Praxisbeispiele reichten bis hin zu 75 Prozent weniger Gasbezug bei einem Kunststofflackierer.
Der Befund ist eindeutig: Energiesparen in der Lackierung ist bei den OEMs längst kein grün angestrichenes Imageprojekt mehr, sondern wirtschaftliche und strategische Notwendigkeit.
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