Warum Kreislaufwirtschaft an der Oberfläche beginnt

Kreislauffähige Produkte entstehen nicht durch Recycling, sondern durch intelligentes Oberflächendesign

Lars Baumgürtel, CEO von ZINQ, sieht in kreislauffähigen Oberflächen einen Schlüssel für Ressourcenschonung und industrielle Wettbewerbsfähigkeit. Diesbezüglich bieten verzinkte Oberflächen gegenüber organischen Beschichtungen einige Vorteile (Bild: ZINQ)

Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie hängt davon ab, ob es uns gelingt, Rohstoffe länger im Kreislauf zu halten. Gleichzeitig ist eine funktionierende Kreislaufwirtschaft der wichtigste Hebel, um Emissionen zu senken und das Klima zu schützen. Für ZINQ CEO  Lars Baumgürtel kommt der Oberflächentechnik dabei eine Schlüsselrolle zu. Warum zirkuläre Oberflächen ein wichtiger Baustein der Circular Economy sind und weshalb neue Marktmechanismen nötig sind, erklärt er im Interview.

mo: Herr Baumgürtel, welche Rolle spielen Oberflächen auf dem Weg zu einer Kreislaufwirtschaft?
Baumgürtel: Oberflächen haben einen wesentlichen Einfluss darauf, wie lange Produkte genutzt werden können und ob ihre Rohstoffe am Ende ihres Lebenszyklus im Kreislauf bleiben. Denn alles hat eine Oberfläche: Gebäude, Brücken, Maschinen, Fahrzeuge. Genau darin liegt ein großer Hebel: Wenn wir Oberflächen langlebiger, ressourcenschonender und kreislauffähiger machen, hat das einen enormen Einfluss auf den Ressourcenverbrauch, die CO2-Emissionen und die Umweltauswirkungen von Produkten.
Wer eine funktionierende Circular Economy erreichen will, darf deshalb nicht erst beim Recycling anfangen, sondern muss bereits beim Design von Produkten ansetzen. Das gilt auch und besonders für Oberflächen, deren Ziel es ist, Materialien möglichst lange in Nutzung zu halten und ihren Wert zu erhalten.

Langlebigkeit und Stoffqualität gemeinsam bewerten

mo: Für Ihr zirkuläres Geschäftsmodell Planet ZINQ wurden Sie mit dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet. Was steckt hinter diesem Modell?
Baumgürtel: Planet ZINQ zeigt, wie sich eine klimaneutrale Kreislaufwirtschaft in einer energie- und rohstoffintensiven Industrie praktisch umsetzen lässt. Im Mittelpunkt stehen Produkte in zirkulärer Qualität: langlebig, kreislauffähig und materialgesund. Unser Ziel ist Triple Zero – kein Abfall, keine CO2-Emissionen und keine Umweltverschmutzung.
Der Weg dorthin führt über das Ökodesign von Produkten, und dafür braucht es Qualitätsprodukte, die für eine lange Lebensdauer und nach der Nutzung für den Kreislauf entwickelt werden. Materialien sollen nach der Nutzung wieder zu Rohstoffen für neue Produkte gleicher Qualität werden können. So entstehen Rohstoffspeicher statt Abfall. Genau diese Produktinnovationen im Bereich der Oberflächentechnik und der Vorbildcharakter für viele weitere Industriesektoren waren wesentliche Gründe für die Auszeichnung mit dem Deutschen Umweltpreis.

mo: Und welchen konkreten Nutzen bieten zirkuläre Oberflächen den Kunden?
Baumgürtel: Zirkuläre Oberflächen verbinden funktionalen, wirtschaftlichen und ökologischen Nutzen. Sie verlängern die Lebensdauer von Produkten, reduzieren Wartungs- und Instandhaltungskosten und helfen dabei, teure Reparatur-, Austausch- oder Ersatzzyklen zu vermeiden. Dadurch sinken die Kosten über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts. 
Wer Materialien länger nutzt und ihren Wert im Kreislauf hält, sichert zugleich den Zugang zu wichtigen Rohstoffen. Gerade vor dem Hintergrund geopolitischer Unsicherheiten wird das zu einem strategischen Faktor für Versorgungssicherheit, resiliente Wertschöpfungsketten und Wettbewerbsfähigkeit.

Welche Regeln zirkuläre Märkte benötigen

mo: Wenn die Vorteile so offensichtlich sind, warum setzen sich Produkte in zirkulärer Qualität am Markt noch nicht stärker durch?
Baumgürtel: Weil sich zirkuläre Qualität noch nicht im Preis widerspiegelt. Der ökologische Nutzen eines Produkts bleibt auf vielen Märkten unsichtbar, während Umweltfolgekosten weiterhin externalisiert werden. Umweltauswirkungen von Produkten müssen daher bewertet und in Produktpässen erfasst und sichtbar gemacht werden. Sie machen Kreislauffähigkeit erst mess- und vergleichbar. 
Der nächste Schritt wäre dann die Monetarisierung von Produktumweltauswirkungen und eine entsprechende Berücksichtigung bei der Bepreisung. Produkte in zirkulärer Qualität sollten die Chance bekommen, sich am Markt zu behaupten. Daher ist bei der Umsetzung der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie darauf zu achten, dass sich langlebige und kreislauffähige Produkte wirtschaftlich lohnen. Denn Kreislaufwirtschaft beginnt nicht beim Recycling, sondern beim Produkt.

mo: Ende Juni haben Sie gemeinsam mit ArcelorMittal und Welser Profile den STEEL.DAY veranstaltet. Welche Motivation stand dahinter?
Baumgürtel: Mit dem STEEL.DAY wollten wir eine Plattform schaffen, um gemeinsam über konkrete Wege zu mehr Zirkularität zu diskutieren. Dabei ging es um die Frage, wie sich Kreislaufwirtschaft praktisch umsetzen lässt und welche Chancen sie für Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit und resiliente Wertschöpfungsketten bietet.
Stahl und zirkuläre Stahloberflächen spielen dabei eine besondere Rolle, weil sie Langlebigkeit mit hochwertiger Wiederverwertung verbinden und damit beste Voraussetzungen für Produkte in zirkulärer Qualität schaffen.
Die Resonanz auf den STEEL.DAY hat gezeigt, wie groß das Interesse an konkreten Lösungen und am Austausch entlang der Wertschöpfungskette ist. Deshalb werden wir diesen Dialog gemeinsam mit unseren Partnern fortsetzen und weitere Akteure einladen, den Weg zu einer zirkulären Industrie aktiv mitzugestalten.