Im Flow oder nur Follower?

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Vom einstigen Grundsatz "Der Kunde ist König" und vom gesundem Menschenverstand scheint in der aktuellen Medien- und Diskurslandschaft nicht mehr viel übrig zu sein. Die Botschaft scheint immer mehr zu lauten: Verantwortung übernehmen ja, Machbarkeit egal.

Ich liebe meine Kaffeemaschine. Am Morgen betätige ich ihren Kippschalter und genieße kurze Zeit später den frisch gebrühten Filterkaffee – die halbe Miete für einen gelungenen Start in den Tag. Was daran so besonders sein soll? Besagter Kippschalter hat die wunderbare, einzigartige Eigenschaft, die Maschine eingeschaltet zu lassen, und zwar so  lange, bis ich ihn in die entgegesetzte Position bringe, nämlich dann, wenn ich genug guten, heißen Kaffee hatte und das Haus koffeingestärkt verlasse. Versuchen Sie einmal, eine Kaffeemaschine neu zu kaufen, die Ihnen diesen Komfort bietet! Die EU hat nämlich für uns alle festgelegt, wie lange unser Kaffee höchstens warmgehalten werden darf und deshalb schalten sich alle modernen Modelle nach etwa vierzig Minuten automatisch ab. Meine Kaffeemaschine stammt aus einer Zeit, als Klimawandel noch Treibhauseffekt hieß und dem Dieselmotor – man glaubt es kaum – noch eine Daseinsberechtigung zugestanden wurde, ja sogar sein faktischer Vorsprung gegenüber anderen Antriebsarten hinsichtllich Sparsamkeit und Schadstoffarmut Teil seines Images war, und das in den Mainstream-Medien! Unnötig zu erwähnen, dass ich auch mein mit Diesel angetriebenes Fahrzeug für seine vielen Vorzüge liebe.

Interessanterweise hat jüngst BMW-Chef Zipse äußerst plausibel die Zurückhaltung des Autobauers in Sachen Komplettumstieg auf Elektrofahrzeuge begründet. 2030 will BMW zwar die Hälfte seiner Autos mit reinem Batterieantrieb verkaufen, aber Zipse gab  gegenüber der Passauer Neuen Presse zu bedenken, dass es in den kommenden 15 Jahren zwar Städte, Regionen und Länder geben wird, in denen sich der Transformationsprozess zur Elektromobilität vollständig vollziehe – das werde aber nicht in allen der weltweit 140 von BMW bedienten Märkte der Fall sein. Wenn ein Hersteller dann kein Verbrenner-Angebot mehr habe, dann gehe ihm das halbe Marktvolumen verloren, und er befinde sich auf einem unternehmerischen Schrumpfungskurs. Gültigkeit hat auch die Einschätzung von Thomas Koch, dem Leiter des Instituts für Kolbenmaschinen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), von 2019 in den VDI-Nachrichten: „Die neuesten Diesel- und Abgasnachbehandlungstechniken sind über jeden Zweifel erhaben.“ Bei den neuesten Euro-6-Dieselfahrzeugen liegt der NOX-Ausstoß im Stadtverkehr auf dem Niveau von Benzinmotoren und auch der CO2-Vorteil des dieselmotorischen Antriebs im Vergleich zum Benziner ist laut Koch unstrittig.

Auch in der Oberflächentechnik erlitten Bereiche wie die Galvanikbranche einen drastischen Imageverlust, der hauptsächlich von administrativer und politischer Seite her befeuert wurde. Von galvanischen Prozessen hängen unzählige Bereiche ab, die wie das Auto mit unserem Alltag aufs Engste verquickt sind: der verchromte Wasserhahn, den wir aufdrehen, die sichere, vor Korrosion geschützte Brücke, über die wir fahren, das Papier, das in Anlagen hergestellte wurde, die ohne Galvanotechnik undenkbar wären. Ähnliche Diskrepanzen zwischen tatsächlichem Nutzen und öffentlicher Wahrnehmung sind bei lösungsmittelbasierten Lackanwendungen zu beobachten, wo im Zuge des grünen Images, das mittlerweile bei so gut wie jedem Produkt erwartet wird, durch Wasserlackalternativen ersetzt werden sollen – koste es was es wolle, und sei es jeglicher Realitätsbezug. Als Begründung hört man oft sinngemäß: Weil es der Kunde so will und weil es gut für die Umwelt ist. Oder wäre es in Anlehnung an Zipses Statement vielmehr richtig zu sagen: Weil ein gewisser Teil der Kunden in einem gewissen Zeitgeist (also für begrenzte Zeit) und in gewissen Regionen es so will und die Umwelt unter gewissen Umständen in gewisser Weise davon profitiert? Oft stellt sich nämlich bei genauerer Betrachtung heraus, dass die Argumente für die im Zeichen des Umwelt- und Arbeitsschutzes geförderten oder sogar regelrecht gepushten Ersatzlösungen keiner Prüfung auf Gesamtzusammenhänge standhalten – etwa was den erhöhten Verbrauch anderer Ressourcen oder höchst fragwürdige Rohstoffbeschaffungprozesse sowie Qualitätsverluste angeht, die unterm Strich zu höherem Material- und Energieverbrauch führen – und deshalb keine wirklichen Lösungen sind! Noch offensichtlicher ist, welchen Einfluss es auf den Arbeitsalltag etwa in der Fertigungsbranche hat, wenn einschränkende Verordnungen in Kraft treten, ohne dass deren (durchaus absehbare) Auswirkungen zuvor gründlich durchdacht und objektiv berücksichtigt worden wären. Hinter den Kulissen der bunten, aber schwarz-weiß gedachten Disney-World, wie sie besonders gerne und erfolgreich den frustrierten Idealisten unter uns serviert wird, spielt sich eine Realität ab, die mitnichten binären Gesetzen von Gut und Böse gehorcht. Hier regieren vielmehr, wie auch sonst außerhalb der Fantasie, die Naturgesetze. Zum Beispiel wird seit Inkrafttreten der REACH-Verordnung 2007 von Galvanikbetrieben jeder Größenordnung stillschweigend erwartet, den deutlich gestiegenen administrativen Aufwand klaglos zu stemmen, den sie zur Folge hatte. Die Forderung nach einer von der EU oder dem Bund zu erbringenden Gegenleistung würde wie ein Sakrileg anmuten, aber warum eigentlich? Wenn es die Steuerzahler der Europäischen Union sind, die die ECHA ja per definitionem vertritt, wäre dann nicht auch eine Aufwandsentschädigung aus demselben Topf fällig für jede der neu beschlossenen Auflagen, die den ebenfalls Steuern zahlenden, arbeitsplatzschaffenden und „systemrelevanten“ KMU in ganz Europa quasi per Bulle verimpft werden?

 

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