Wer Donald Trump bisher für jemanden gehalten hat, der sich vornehmlich durch eine Vorliebe für Gesichtsbräuner auszeichnet, steht vor der Erkenntnis, dass der Präsident der Vereinigten Staaten die Welt überrumpelt hat. Venezuela scheint kaum machtpolitisch vereinnahmt zu sein, schon beschleunigt er das Rad weiter und plötzlich wird das geostrategisch enorm wichtige Grönland zur Verhandlungsmasse. Hätte sich irgendjemand in den vergangenen Jahrzehnten ernsthaft vorstellen können, dass ein amerikanischer Präsident die Chuzpe aufbringt, sich gegenüber den Nachkriegsalliierten auf das schlagkräftigste und kampferfahrenste Militär der Welt als offensives Druckmittel zu stützen? Seit 1945 ist so etwas niemals vorgekommen – die USA waren stets ein ausdauernder Verbündeter.
Unser Zusammenschluss nationalbewusster Staaten wird sich in diesem Umfeld schnell neu erfinden müssen, wenn europäische Eigenständigkeit erhalten werden soll. Das birgt Chancen. Denn wer strategische Autonomie ernst meint, muss diese in Industriepolitik, Energieversorgung, Rohstoffsicherung, Verteidigungsfähigkeit – und auch in handelspolitische Handlungsfähigkeit – übersetzen. Der in Europa außerordentlich etablierte Öko-Absolutismus könnte endlich aus den vordersten Reihen verdrängt werden.
Auch wenn die aktuellen Reaktionen auf Trumps Grönland-Ansage nicht gerade einschüchternd wirken, scheint die EU einig, sich Trumps Pläne nicht so einfach gefallen zu lassen. Das wäre auch gut so, denn wenn Trump mit seinem Anschluss Grönlands ohne ernsthafte Gegenwehr durchkommt, wird er rasend schnell noch viele weitere Ideen entwickeln. Auch wenn Corona und der Angriff auf die Ukraine viel durcheinandergebracht haben – für 2026 sollte der Anschnallgurt eher noch etwas straffer gezogen werden. Denn auf bisherige Spielregeln wird kein Verlass mehr sein, wenn MAGA in globalem Umfang Wirkung entfaltet.
Vorbereitung schlägt Illusion
Damit sind wir bei dem, was uns als Fachmagazin beschäftigt: In einer Welt, in der wirtschaftliche Interessen mit großer politischer Macht durchgesetzt werden, hilft nur, auf Worse-Case-Scenarios vorbereitet zu sein. Und genau das ist – bei aller Dramatik der Entwicklungen – die bemerkenswerte Kernbotschaft der Unternehmen, die an unserer Umfrage zur Jahresvorschau teilgenommen haben: Die Oberflächenbranche startet 2026 „ohne Illusionen, aber mit klarer Haltung“. Nach Jahren permanenter Unsicherheit ist der Krisenmodus vielerorts zur Normalität geworden – und Unternehmen begegnen dem mit Nüchternheit, Resilienz und Entschlossenheit.
Diese Haltung speist sich nicht aus Zweckoptimismus, sondern aus Krisenkompetenz: Globale Handelskonflikte, volatile Märkte, hohe Energiepreise und ein dichtes regulatorisches Umfeld prägen den Alltag – und ernsthafte Entlastung erwartet derzeit kaum ein Unternehmen. Entscheidend ist, was daraus folgt: kein Rückzug, sondern Handeln. Investitionen erfolgen noch gezielter, häufig als Modernisierung, Automatisierung und Effizienzsteigerung im Bestand; Brownfield- und Retrofit-Projekte gewinnen an Gewicht; Service- und Aftermarket-Geschäfte stabilisieren. Digitalisierung, KI und datenbasierte Prozesse werden pragmatisch eingesetzt – nicht als Schlagwort, sondern als Werkzeug, um Prozesse robuster, transparenter und wirtschaftlicher zu machen.
Nachhaltigkeit erscheint weniger als moralische Selbstvergewisserung, sondern als technische und wirtschaftliche Aufgabe: machbar, finanzierbar, wirksam – dort, wo Effizienz, Ressourcenschonung und Kostenreduktion zusammenkommen. Gleichzeitig wird die rote Linie klar benannt: Eine weitere dauerhafte, systemische Schwächung des Standorts Deutschland und Europa darf es nicht geben – sonst droht für unseren aktuellen Wohlstand sehr bald ein Punkt ohne Wiederkehr.
Vielleicht ist das der realistischste Schluss, den man Anfang 2026 ziehen kann: Wir erleben eine Welt, in der geopolitische Machtspiele unmittelbarer auf Märkte durchschlagen – und in der sich Europa zwischen Selbstbehauptung und Anpassungsdruck neu positionieren muss. Aber in den Werkhallen, in den Beschichtungslinien, in den Galvaniken, in den Planungsbüros kommt ein alter, unspektakulärer Satz zu neuen Ehren: Man kann die Lage nicht wählen – aber die Reaktion darauf. Unsere Branche zeigt, dass sie reagieren kann, ohne sich treiben zu lassen: gestalten statt nur reagieren, Kurs halten statt abdrehen.
In diesem Sinne – stabilisieren Sie Ihre Position!



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