Diesmal wird es schnell konkret

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Die meisten von uns erinnern sich noch an die Anfänge von Industrie 4.0: Der Begriff tauchte 2011 auf, wurde dann als großes industriepolitisches Zukunftsprojekt definiert und zur vierten industriellen Revolution hochstilisiert. Nur: Wie das alles einen konkreten Betrieb tatsächlich weiterbringen sollte, blieb lange abstrakt.

Bei künstlicher Intelligenz läuft das anders. Seit Ende 2022 große Sprachmodelle für jedermann erlebbar wurden, musste niemand mehr erklären, warum es von Vorteil ist, wenn Computer ein gewisses Maß an Kreativität entwickeln können. Und schon gibt es Anwendungen, die nicht nur auf Vortragsfolien Perspektiven aufzeigen, sondern sehr konkrete industrielle Aufgaben lösen.
Dürr will einen seiner vielleicht wertvollsten Schätze nutzbar machen: die Erfahrung aus Tausenden realisierten Projekten. Dieses Wissen steckt in technischen Beschreibungen, Projektdokumentationen – und vor allem in den Köpfen erfahrener Ingenieure. Mehr zum Forschungsprojekt RoX lesen Sie in mo 5 2026 ab Seite 16

Noch praktischer wird es beim Robotersystem, das Sehon Anwendern vorgeführt hat (Seite 18). Gezeigt wurden geometrisch anspruchsvolle Bauteile, die gescannt und lackiert wurden – ohne jede manuelle Programmierung. Für Anwendungen, bei denen der Programmieraufwand bislang größer war als der Nutzen, kann das eine Zeitenwende einläuten. Denn wenn ein System einen komplexen Stoßfänger im Automotive-Bereich beherrschen kann, werden sich daraus auch Anwendungen in der allgemeinen Industrie ableiten lassen. 

Noch einmal völlig anders sieht KI im Beitrag von ai-quanton und Akemi aus (Seite 22). Ein optisches Messsystem analysiert Eigenschaften einzelner Tropfen eines Sprühstrahls. Ein unüberwachtes maschinelles Lernverfahren erkennt in einem mehrdimensionalen Datensatz Veränderungen der Lackzusammensetzung – und benötigt dafür keine zuvor klassifizierten Trainingsdaten. Damit wird KI zu einem pflegeleichten Werkzeug für die unmittelbare Prozessüberwachung.

Vielleicht liegt genau hier der entscheidende Unterschied zur Industrie 4.0. Um von KI zu profitieren, muss nicht zuerst die komplette Fabrik zur vollvernetzten Smart Factory umgebaut werden. Eine KI kann an einem sehr konkreten Engpass ansetzen und der Nutzen wird dadurch sehr viel schneller deutlich. 

Passend dazu hat sich inzwischen sogar die Plattform Industrie 4.0 neu ausgerichtet und stellt 2026 erstmals „Industrial AI“ in den Mittelpunkt. Gleichzeitig hat die Regulierung die Technologie eingeholt. Seit dem 2. August greifen weitere zentrale Bestimmungen des europäischen AI Act und seine Durchsetzung hat begonnen. Wir dürfen dabei die Hoffnung nicht aufgeben, dass Politik und Behörden trotz gegenteiliger Erfahrungen dazulernen und für die Industrie Rechtssicherheit schaffen – aber ebenso den Spielraum nicht vergessen, um im globalen Wettbewerb nicht weiter an Boden zu verlieren. 

Von der Schüttgutreinigung mit Laser-Technologie (Seite 42) bis hin zur Umstellung auf einen 1-Schicht-Lack bei einem Hersteller von Baumaschinen gibt es in dieser Ausgabe noch viele weitere spannende Themen. Sehr konkrete Lösungen statt wohlklingender Zukunftsbegrifflichkeiten – das ist ein gemeinsamer Nenner vieler Beiträge in der aktuellen Ausgabe.

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