Die Kosten für einen sicheren Abfahr- und Sicherungsprozess werden auf rund 30 Millionen Euro geschätzt. Die Anlagen bilden einen komplexen Verbund, in dem unter anderem Caprolactam, Phenol, Cyclohexanon, Schwefelsäure und Polyamide hergestellt werden. Das kontrollierte Herunterfahren soll sich über mehrere Wochen erstrecken. Ein Großteil der 440 Beschäftigten wird dafür zunächst weiterhin benötigt. „Eine solche Kostenschätzung ist für die Gefahrenabwehr erforderlich“, erklärte das Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt. Das Land hatte zuvor bereits knapp 80 Millionen Euro für den Notbetrieb der Anlagen bereitgestellt.
Vom Neustart zur erneuten Insolvenz
Leuna Polyamid hatte zum 1. April 2026 Vermögensgegenstände der insolventen Domo Caproleuna übernommen. Hinter der neu gegründeten Gesellschaft stehen InfraLeuna und Leuna-Harze. Mehr als 430 Arbeitsplätze konnten mit der Übernahme zunächst erhalten werden. Zugleich sollte der für den Standort wichtige Energie- und Stoffverbund fortgeführt werden.
Bereits am 17. Juni stellte Leuna Polyamid jedoch einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung. Die Produktion war im April zunächst hochgefahren worden und hatte einen wirtschaftlich tragfähigen Anlagenbetrieb erreicht. Anschließend stiegen die Rohstoffpreise infolge der Entwicklungen in der Golfregion um mehr als 40 bis 100 Prozent. Gleichzeitig verlangten wichtige Rohstofflieferanten Vorauskasse. Der daraus entstehende Liquiditätsbedarf überstieg die Planungen deutlich. Die anschließend gestartete Suche nach einem strategischen Investor blieb ohne Erfolg.
Schließung trifft Stoffverbund in Leuna
Mit dem Produktionsende entfallen bestehende Liefer- und Abnehmerbeziehungen innerhalb des Chemiestandorts. Betroffene Unternehmen müssen teilweise neue Bezugsquellen oder Absatzwege finden. Auch InfraLeuna rechnet mit Umsatzeinbußen, da Leuna Polyamid zu den größeren Abnehmern von Infrastrukturleistungen wie Dampf, Energie und Logistik gehört.
Für die Oberflächentechnik besteht zudem eine Verbindung über Leuna-Harze. Das Unternehmen ist Mitgesellschafter von Leuna Polyamid und produziert Epoxid- und Lackharze, Reaktivverdünner sowie Härter. Reaktivverdünner und verschiedene modifizierte Epoxidharze des Unternehmens werden unter anderem für lösemittelfreie Beschichtungsstoffe eingesetzt.
Die Entwicklung fällt in eine weiterhin angespannte Phase der deutschen Chemieindustrie. Im zweiten Quartal 2026 stieg die chemisch-pharmazeutische Produktion zwar um 2,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Die Kapazitätsauslastung lag mit 73,2 Prozent jedoch deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt von 83 Prozent. Gestiegene Rohstoff- und Energiekosten belasten die Branche zusätzlich. Für das Gesamtjahr wird weiterhin mit einem Produktionsrückgang von 1,5 Prozent gerechnet.
Quellen: CHEManager, 20. Juni 2026, „Leuna - Polyamid beantragt Insolvenz in Eigenverwaltung“ ; InfraLeuna, 1. April 2026, Übernahme der Domo-Caproleuna-Aktivitäten ; MDR/Tagesschau, 15. September 2026, zu Stilllegungskosten und Auswirkungen auf den Standort ; Leuna-Harze, Produktinformationen zu Epoxidharzen und Reaktivverdünnern ; VCI, Quartalsbericht vom 3. September 2026 zur wirtschaftlichen Lage der chemisch-pharmazeutischen Industrie.


