ZVO zeigt Schwächen der jüngsten ECHA-Studie auf

(Okt 2020/OM) - In einem offenen Brief an Bjorn Hansen, Executive Director der Europäischen Chemikalienagentur ECHA, bezieht der Zentralverband Oberflächentechnik e.V. (ZVO) Stellung zur im Juli 2020 von der ECHA veröffentlichten Studie „Impacts of REACH restriction and authorisation on substitution in the EU“. Wir veröffentlichen an dieser Stelle die Stellungsnahme des ZVO in voller Länge:

Der ZVO begrüßt, dass die ECHA mit der Studie versucht, die realen Auswirkungen von Restriktionen und Autorisierungen zu erfassen – hier mit Blick auf die Anforderung zur Substitution von Verwendungen von SVHCs (Substances of Very High Concern).

Der ZVO stimmt aus praktischen Erfahrungen von Unternehmen einigen der Ergebnisse und Schlussfolgerungen zu, zum Beispiel, dass die Wirkung von Beschränkungen auf Substitutionen wirksamer ist, als von Autorisierungen. Auch Nachhaltigkeitsrichtlinien führen wie jede Art von Regulierung naturgemäß zur Prüfung auf alternative Möglichkeiten. Weiterhin führen Kundennachfragen beziehungsweise Kundenanforderungen direkt zu Überlegungen zu Alternativen, falls die aktuelle Technologie den neuen Anforderungen nicht genügen kann.

Allerdings erreichen sichere Alternativen in den seltensten Fällen gleichzeitig finanziellen Nutzen und/oder Wettbewerbsvorteile. Andernfalls wären bereits Substitutionsbemühungen durchgeführt worden, um diese beiden wesentlichen Geschäftsziele zu verbessern. Weiterhin wird die Verringerung der Emissionen in die Umwelt und der Exposition der Arbeitnehmer naturgemäß als wichtigster Vorteil der Substitution angesehen, da sie die Gründe für die regulativ geforderte Substitution sind.

Einige Empfehlungen sind nicht nachvollziehbar

Der ZVO kann jedoch auch einige Empfehlungen, die aus der Studie gezogen werden, nicht nachvollziehen. So war der Substanzgruppenansatz nicht Gegenstand der Untersuchung und es wurden keine Aussagen dazu getroffen. Der Nutzen der Substanzgruppierung kann daher aus dieser Studie nicht abgeleitet werden. Der ZVO hat ein Positionspapier zur Substanzgruppierung erarbeitet, das auf die nicht unerheblichen Gefahren aus diesem chemisch und technisch fragwürdigen Ansatz hinweist.

Ebenso gibt es keine Daten zu den Hintergründen von Netzwerken und technischer Zusammenarbeit im Rahmen dieser Studie. Der ZVO wies bereits wiederholt darauf hin, dass die komplexen Verflechtungen von Liefernetzwerken zu zahlreichen, sich widersprechenden technischen Ansätzen führen würde. Gerade für KMUs, die in zahlreiche unabhängige Lieferketten eingebunden sind, ist eine solche Vorgehensweise nicht realisierbar.

Der ZVO weist dringend darauf hin, dass die Studie diverse wissenschaftliche Schwächen aufweist, die den Wert ihrer Schlussfolgerungen stark mindern und deren Objektivität in Frage stellt. Dies soll anhand der folgenden Kriterien für sorgfältige wissenschaftliche Arbeit verdeutlicht werden. Zum einen ist die Reproduzierbarkeit der Ergebnisse der Studie nicht verifiziert. Da diese Untersuchung bisher allein steht und nicht durch unabhängige analoge Studien bestätigt wurde, ist sie aus Sicht des ZVO nicht zur Begründung von Maßnahmen geeignet. Ihre Schlussfolgerungen sind lediglich als Hypothesen zu betrachten. Nach den Regeln von sorgfältiger Wissenschaft sind diese erst nach bestandenen unabhängigen Falsifikationstests als Basis einer verwendbaren Theorie anzusehen.

Darüber hinaus ist die Aussagefähigkeit der Studie in einigen Aspekten in Frage zu stellen. So werden Beurteilungskriterien nicht sauber definiert und überschneiden sich. Die Bewertung suggeriert dadurch direkte Einflüsse von Kriterien, obwohl sie Folge und nicht Ursache sind. Beispiel Figur 7: „Market concerns“ und „sustainability concerns“ sind in erheblichem Maße eine Folge von „regulation“ und daher nicht unabhängig!

Die Studie ist nicht repräsentativ

Zu betonen ist außerdem, dass die Studie nicht repräsentativ ist, die Zahl und Auswahl der Beteiligten erlauben keine generelle Aussage oder Schlussfolgerung. Beispiel Figur 2: Es fehlt eine Betrachtung, welcher Anteil an allen Unternehmen erfasst wurde. Für Chromtrioxid stehen 32 Antworten zur Verfügung; hingegen wird im Anhang XV-Dokument von 18.000 Anlagen für Oberflächenbeschichtung ausgegangen, alleine in Deutschland sind danach 1.500 KMUs betroffen! Demnach erfasst die Studie offenbar weniger als ein Prozent der betroffenen Unternehmen beziehungsweise Anlagen!

Davon unabhängig ist die Richtigkeit der Studie und ihrer Aussagen in Zweifel zu ziehen. So werden Aussagen getroffen, die nicht durch die Untersuchung gedeckt sind. Beispiel Figur 18: Der Studienersteller zieht hieraus das wesentliche Ergebnis, dass die Unternehmen Substitution als Weg zur Verbesserung ihres „public image“ sehen. Dieser Aspekt ist in der Auswertung jedoch nicht vorhanden! Auch nimmt die Studie willkürliche Wertungen vor. Beispiel Figur 18: Es ist nicht nachzuvollziehen, warum eine „Erhöhung der Mitarbeiterzahl“ einen Nutzen darstellen soll. Erfahrungsgemäß ist die Erhöhung der Mitarbeiterzahl bei gleicher Produktion ein wirtschaftlicher Nachteil, zumal Personalkosten i.d.R. den größten Kostenblock in einem oberflächentechnischen Unternehmen darstellen.

Wesentliche Ergebnisse werden dagegen nicht bewertet und finden keinen Eingang in die Schlussfolgerungen oder Empfehlungen. So werden auf den Seiten 43 und 44 signifikante einmalige und jährliche Kostensteigerungen berichtet. Auch ein wesentliches Ergebnis wird daraus generiert. Dennoch wird der Aspekt nicht weiter berücksichtigt.

Bei näherer Betrachtung lässt sich feststellen, dass die Genauigkeit der Studie als gering einzustufen ist. Beispiel Figur 3: Eine prozentuale Darstellung wie hier liefert ein falsches Bild und suggeriert scheinbare Genauigkeit. Insgesamt haben vier Distributoren, möglicherweise Händler, bezüglich sieben Substanzen oder „Uses“ geantwortet. Da der Studie neun Substanzen mit zwölf „Uses“ zugrunde gelegt wurden, sind keine quantitativen Aussagen zum Frageziel möglich.

Der ZVO stimmt zwar grundsätzlich mit den Zielsetzungen der Studie überein, regt jedoch dringend an, folgende Schlussfolgerungen aus dem vorliegenden Dokument zu ziehen. So sollten die Untersuchungen der Studie auf eine repräsentative Anzahl betroffener Unternehmen ausgedehnt werden. Weiterhin sollten die Studien unabhängig von Regulierungsbehörden ergebnisoffen durchgeführt werden und ausreichende Förderung erhalten.

Wichtig ist es auch, die von der Studie betrachteten Inhalte um Negativbeispiele zu ergänzen, denn viele Substitutionsanstrengungen scheiterten. Es wäre wichtig, diese Fälle ebenfalls zu analysieren. Unternehmen benötigen Informationen, welche Vorgehensweisen und Inhalte nicht zum Erfolg oder zu wirtschaftlich, technisch oder umweltbezogenen bedauerlichen Substitutionen geführt haben. Die ECHA respektive die Europäische Kommission sollten ein Portal zu diesen Erfahrungen zur Verfügung stellen.

Grundsätzlich sollte eine verbesserte Finanzierungssituation für Forschungsinstitute nur für grundlegende Forschung an alternativen Technologien geschaffen werden. Gezielte Substitution bestimmter industrieller Prozesse wird von der Industrie selbst vollzogen werden müssen – denn nur hier sind die zu erfüllenden Spezifikationen bekannt. Es wäre daher zu begrüßen, wenn Fördermittel zur lieferkettenspezifischen Forschung und Entwicklung in größerem Maße und einfacher zur Verfügung gestellt würden. Zudem sind die Studieninhalte unbedingt auf langjährige Erfahrungen mit den Substitutionslösungen wie beispielsweise Marktakzeptanz, Produktsicherheit und ähnliche Punkte auszudehnen.

Wirkung von Substitutionen nicht berücksichtigt

Ebenso ist zu ergänzen, welche Änderungen des Risikos durch die Substitution verursacht wurden. Diese Folgeanalyse darf jedoch nicht ausschließlich die Emission des fraglichen Stoffes umfassen. Es sind vielmehr auch Fragen zu anderen Umwelteinflüssen durch Prozessänderungen zu beantworten. Dazu gehören zum Beispiel zusätzliches Abwasser, Energiebedarf, Recyclingfähigkeit oder Nebenprodukte. Zu berücksichtigen sind auch neue oder zusätzliche Emissionen am Arbeitsplatz wie zum Beispiel durch Staub (lungengängige A- und E-Fraktionen, etc.) sowie anderen Risiken (akute Toxizität, Brandgefahr, Explosionsgefahr, Produktsicherheit).

Letztendlich dürfen vor allem die wirtschaftlichen Folgen nicht ausgespart bleiben, um Substitutionswirkungen realistisch beurteilen zu können. Sie sind gleichwertig zu betrachten und zu berichten. Gerade für KMUs sind hier existenzielle Auswirkungen zu erwarten. Auch ist es unverzichtbar, auf die durch die regulativ forcierte Substitution bedingten Verschiebungen von Marktanteilen europäisch und weltweit Bezug zu nehmen.

Der ZVO bietet jederzeit aktive Mitarbeit bei der Umsetzung der vorgeschlagenen Aspekte an. Der Zentralverband Oberflächentechnik e.V. (ZVO) vertritt die Interessen von Roh- und Verfahrenslieferanten, Anlagenherstellern, Komponentenherstellern, Dienstleistern, Beschichtern und Galvaniken der deutschen Galvano- und Oberflächentechnik. Seine Mitgliedsunternehmen sind im Bereich der Oberflächenveredelung mit Metallen oder Metallverbindungen aus flüssigen Prozessmedien tätig. Für Abnehmerindustrien, Politik und Behörden ist der ZVO zentraler Ansprechpartner zu wirtschafts-, umwelt-, energie- und bildungspolitischen Fragen mit Bezug auf Galvano- und Oberflächentechnik.

► Zentralverband Oberflächentechnik e.V. (ZVO)

www.zvo.org

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