ZVO Oberflächentage 2025: Positive Impulse in einem schwierigen Umfeld

Rundgang durch die Ausstellung und Impressionen auf den ZVO Oberflächentagen 2025

Künstliche Intelligenz, digitale Prozessführung und nachhaltige Technologien – die Schlagworte der diesjährigen ZVO Oberflächentage verheißen Fortschritt, auch wenn die Rahmenbedingungen schwierig bleiben. Ohne Zweifel lasten Energiepreise, Regulierungsdruck und Investitionsunsicherheit spürbar auf der Branche. Dennoch war der Ton von Ausstellern und Besuchern überraschend konstruktiv. Die ZVO-Oberflächentage 2025 zeigten eine Branche, die weder resigniert noch beschönigt, sondern mit großem Einsatz ihren Weg sucht – Schritt für Schritt. Auf den ZVO-Oberflächentagen 2025 herrschte bemerkenswert viel Aufbruchsstimmung – und das in einer Zeit, die von vielen Unternehmen wegen anhaltendern wirtschaftlichen Turbulenzen, regulatorischer Unsicherheit und hoher Energiepreise als sehr herausfordernd erlebt wird.

Mehr als 560 Teilnehmende, über 95 Fachvorträge und eine begleitende Ausstellung mit über 70 Ausstellern machten Berlin erneut zum Zentrum der Galvano- und Oberflächentechnik. Besonders deutlich wurde: Künstliche Intelligenz (KI) entwickelt sich zu echten Leitthemen – nicht nur als ferne Zukunftsvision, sondern zunehmend auch in konkreten Anwendungen.

KI – vom Schlagwort in die industrielle Realität

Wer in Berlin durch die Sessions ging, konnte den roten Faden kaum übersehen: Digitalisierung und KI sind zur tragenden Säule geworden – nicht als Selbstzweck, sondern als Hebel für Prozessrobustheit, Ressourceneffizienz und Qualitätssicherung in der Serie. Besonders deutlich wurde das dort, wo datenbasierte Verfahren direkt an konkrete Prozessschritte gekoppelt wurden: In den Programmpunkten zu digitalem Monitoring, modellgestützten Optimierungen und zur Vorbereitung definierter Oberflächen zeigte sich, wie stark die Branche inzwischen in Richtung mess- und regelbarer Prozessketten denkt.

Ein gutes Beispiel ist der Block zu datengetriebener Vor- und Nachbehandlung. Laut Programm wurde unter anderem „Elektrochemisches Monitoring des Beizvorgangs auf dem Weg zur Digitalisierung galvanotechnischer Prozessschritte“ vorgestellt (Referent: F. Pantleon). Die Stoßrichtung ist klar: weg von einmaligen Laboranalysen und Erfahrungswerten, hin zu kontinuierlichen, inlinefähigen Messsignalen, die Badzustand, Angriffskinetik und Werkstückantwort in Echtzeit abbilden. Das ermöglicht, Schwellenwerte und Korrekturen nicht mehr nach Kalender, sondern nach tatsächlicher Prozesslage festzulegen – ein Ansatz, der direkte Auswirkungen auf Stabilität, Ausschuss und Chemieverbrauch hat. Ergänzend dazu wurde der Transfer in vorgelagerte Stufen adressiert: „Die Schicht vor der Schicht: Automatisierte, nachhaltige Oberflächenbehandlung in der Strahltechnik … reproduzierbare und validierbare Oberflächen“ (R. Bernstein, Moderation: M. Zimmer). Der Gedanke dahinter: Wenn die Ausgangsrauheit, Benetzbarkeit und Partikelfreiheit prozesssicher und dokumentiert erreicht wird, reduzieren sich Varianzen in nachfolgenden elektrochemischen Schritten messbar. Digital erfasste Vorbehandlungsparameter werden damit zum Eingang in eine geschlossen überwachte Prozesskette.

Dass der Digitalisierungsschub in der Praxis ankommt, zeigten zahlreiche Gespräche, so ordnet Dr. Malte Zimmer (ZVO) die Oberflächentage als extrem positiv ein und stellte fest, dass die Frustration der Vorjahre verflogen sei – allerdings nicht, weil die Regulierung oder andere Probleme verschwunden wären, sondern weil gerade KI und andere Bereiche einen Schub geben. Eher skeptisch ist er jedoch, ob KI mittelfristig tatsächlich ausschließlich den Fachkräftemangel adressieren wird oder ob nicht auch höher angesiedelte Aufgabenbereiche in den Fokus geraten könnten. Außer Frage steht, dass KI durch Assistenzsysteme, die kritische Zustandswechsel erkennen einen Beitrag leisten kann und Bediener entlasten. Wichtig dabei ist eine Einschränkung: Der Mehrwert entsteht nicht durch Schlagworte, sondern da, „wo es die Behörden zulassen“ und wo Prozesse auditierbar nachvollzogen werden. Mit anderen Worten: KI wird dort wirksam, wo sie die vorhandene Regel- und Messtechnik ergänzt – nicht ersetzt.

Aus Unternehmenssicht klingt das ähnlich: Dietmar Stork (Dr.-Ing. Max Schlötter GmbH & Co. KG) hebt hervor, dass es zahlreiche KI-Themen gab und es insgesamt ein ausgewogenes Vortragsprogramm gab. Insgesamt zeigt sich, dass digitale Werkzeuge inzwischen nicht mehr nur R&D betreffen, sondern zunehmend als Bestandteil von Linienangeboten nachgefragt werden – etwa zur dynamischen Badführung, für die Zustandsdiagnostik in Beiz- und Aktivierbädern, zur Klassifikation von Störbildern oder zur Energie-/Lastspitzen-Optimierung am Anlagenverbund. Diese Nachfrage passt zu dem, was die Sessions methodisch vermittelten: Es geht um robuste Datenerhebung (Sensorik, Elektrochemie, Bildgebung), um verständliche Modelle (physiknah oder datengetrieben) und um Regelstrategien, die sowohl QS als auch Compliance-Anforderungen standhalten.

Lars Baumgürtel setzt den Akzent auf den Nutzen – und dämpft zugleich Erwartungshaltungen: Ja, es habe ziemlich viele Vorträge zu KI gegeben, und ja, KI könne unterstützend mit eingreifen (Interview-Transkript). Entscheidend sei aber, die Anwendungsfälle dort zu wählen, wo Prozesse ausreichend standardisiert sind und Datenqualität stimmt. Praktisch heißt das: Zuerst die Messkette sichern (Kalibrierung, Plausibilisierung, Datenpflege), dann Modelle aufsetzen – nicht umgekehrt. In dieser Reihenfolge wird KI zum Verstärker bereits etablierter Prozessbeherrschung, zum Beispiel, indem Anomalien früher erkannt, Dosierregeln adaptiv justiert und Wartungsfenster vorausschauend geplant werden.

Im Zusammenspiel aus Programm und Stimmen zeichnet sich damit ein realistisches Bild ab: Digitalisierung in der Oberflächentechnik ist 2025 kein Buzzword mehr, sondern ein Werkzeugkasten aus sensorgestützten Monitorings, datenbasierten Zustandsmodellen und – wo sinnvoll – KI-gestützten Entscheidungs- und Assistenzfunktionen. Der Branchenstandard entsteht dort, wo drei Bedingungen erfüllt sind: (1) Messdaten mit belastbarer Prozessnähe, (2) nachvollziehbare Modelle statt „Black Box“-Glauben und (3) Anbindung an Qualitäts- und Compliance-Anforderungen, damit Entscheidungen erklärbar bleiben. Die Oberflächentage haben gezeigt, dass genau diese Trias inzwischen in mehreren Anwendungsfeldern getragen wird. Für Betriebe folgt daraus eine Schlussfolgerung: Der Einstieg in die digitale Zukunft sollte nicht mit KI starten, sondern mit der sauberen Digitalisierung der Mess- und Entscheidungswege; ohne einen solchen systematischen Unterbau ist die Nutzung von KI mit erheblichen Unwägbarkeiten bezüglich der Prozesssicherheit verbunden.

Nachhaltigkeit, Energie, Zirkularität & Rohstoffsouveränität

Nachhaltigkeit wurde in Berlin nicht als moralischer Aspekt, sondern als industriepolitische Notwendigkeit diskurtiert — und zwar entlang zweier Linien: Versorgungssicherheit (Energie, Rohstoffe) und Wettbewerbsfähigkeit. Die Vorträge zur Zirkularität rahmten das deutlich: der Ansatz, Wertstoffe nicht länger als Abfallstrom zu betrachten, sondern als rückgewinnbare Kapitalmasse, verschiebt die Perspektive vom „Compliance“-Thema hin zu einem strategischen Produktionsfaktor.

Besonders klar formulierte das Lars Baumgürtel (Zinq-Gruppe), dessen Unternehmen jüngst mit dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet wurde: Zirkularität sei nicht PR, sondern eine Antwort auf energie- und rohstoffpolitische Realitäten. Wörtlich sagte er: „Zirkulärwirtschaftlich zu agieren heißt, dass man einen Beitrag leistet für sich selbst und für die deutsche Industrie, für Europa, Rohstoffe zu sichern. Die Rohstoffe haben wir hier, aber wir müssen sie wiederverwerten, damit wir Abhängigkeiten reduzieren von Ländern, die uns vielleicht ihre Rohstoffe zukünftig nicht mehr geben wollen. Es wird in Zukunft immer wichtiger werden, geopolitische Abhängigkeiten abzubauen und eine Resilienz aufzubauen.“

Bemerkenswert ist, dass Baumgürtel als Vertreter eines energie- und ressourcenintensiven industriellen Kernsegments spricht. Er durchbricht damit das verbreitete Narrativ, Nachhaltigkeit sei per Definiion ein Kostentreiber: In der Logik der Oberflächentechnik ist sie ein Risikoreduktionsinstrument — reduzierte Anfälligkeiten gegenüber Energiepreisvolatilität und Importabhängigkeit kritischer Stoffe, höhere Planbarkeit bei Genehmigungen und Ausschreibungen.

Diese Rationalität findet sich auch in den Gesprächen zur Energiefrage wieder. Im Umfeld des Programms wurde mehrfach betont, dass Energiekosten inzwischen entscheidend für Standort- und Investitionsentscheidungen sind — nicht als „Nebenkostenposition“, sondern als Gleichung zweiter Ordnung: Energiepreise steuern die Tragfähigkeit ganzer Prozessketten. Wenn KI-gestützte Optimierung, Lastmanagement oder Rückgewinnungsraten die Kapitalkosten einer Linie faktisch mitentscheiden, werden digitale und nachhaltigkeitsbezogene Projekte zu Investitionsschutz, nicht zu Idealismus.

Dass diese Betrachtungsweise  — Nachhaltigkeit als Wettbewerbsmechanismus — in der Branche Widerhall findet, , zeigte sich auch darin, dass das Thema trotz der makroökonomisch schwierigen Lage sehr präsent im Tagungsprogramm war. Baumgürtel formulierte es so: Auch wenn Nachhaltigkeit in der Konjunktur „in der Priorität vielleicht etwas nach hinten durchgereicht wird“, sei es bemerkenswert, „dass wir hier in der Oberflächentechnik immer noch versuchen, gute Wege zu finden, um die Wettbewerbsfähigkeit unserer Prozesse und Produkte zu stärken“. Die Klammer aus Zirkularität, Energie und industrieller Souveränität bleibt damit relevant für die Gegenwart und wird nicht per se als Langfristziel für die Zukunft heruntergestuft.

Regulatorik, Beschränkungen, Unsicherheit (Chrom VI, PFAS, Bürokratie)

Wenn ein strukturelles Thema die Oberflächentage wie ein Grundrauschen unterlegt hat, dann war es die fortgesetzte Unsicherheit im regulatorischen Umfeld. Inhaltlich stand im Fokus, was Branchenvertreter seit Jahren als größte Innovationsbremse beschreiben: nicht die Strenge von Vorgaben, sondern deren Unkalkulierbarkeit. Dr. Malte Zimmer brachte es in der regulativen Sprechstunde auf den Punkt: „Der Kernpunkt ist die Unsicherheit. Jetzt ist beim Chrom(VI) eine Beschränkung geplant, aber es ist bisher auch wieder nur ein Entwurf. Keiner weiß, was da kommt. […] Eine Entscheidung bezüglich PFAS ist auch nach hinten verschoben worden.“ Ungewissheit ist derzeit ein primäres Risiko für die Unternehmen – weil sie Planung, Finanzierung und Entwicklung gleichzeitig blockiert.

An diesem Punkt zeigte sich erneut die Diskrepanz zwischen regulatorischer Taktung und industrieller Zeitskala. Zimmer formulierte es klar: Ungewissheit „tötet Innovationsfähigkeit und Investitionsfähigkeit“. Denn weder für F&E noch für Maschineninvestitionen oder Nachfolgeentscheidungen lassen sich Szenarien rechnen, wenn kein Regimehorizont existiert. Besonders problematisch: Auch ein Beschränkungsvorschlag schafft noch keine Belastbarkeit; denn selbst damit bestehen unter dem derzeitigen ECHA-Regime keine Sicherheiten, dass über die nächsten 15 oder 20 Jahre eine gewisse Berechenbarkeit eintreten wird. Damit bleiben selbst aktuell tendenziell positive Entwicklungen in der langfristigen Betrachtung instabil.

Wie stark diese Unsicherheit realwirtschaftlich durchschlägt, machte Hannah Betz im Interview an der Autorisierungslandschaft sichtbar: Ihr Unternehmen habe eine sechsstellige Summe in die Einzelautorisierung investiert – ein Aufwand, der sich rückblickend als regulatorische Fehlinvestition erweisen könnte. Letztendlich werden nun möglicherweise die Unternehmen faktisch benachteiligt, die der ECHA und ihrem Handeln Vernunft und Verlässlichkeit unterstellt haben und versucht haben, den aufgestellten Regularien zu entsprechen. Betz macht deutlich: „Wir hätten das Geld lieber in Prozesse oder F&E gesteckt … als in bürokratischen Aufwand, der am Ende nichts bringt.“

Zugleich hat die aktuelle Entwicklung zum Chrom-VI-Beschränkungspfad eine doppelte Ambivalenz erzeugt: Einerseits Erleichterung – eine perspektivische Zukunft des Hartchroms erscheint wieder wahrscheinlich; andererseits die Erkenntnis, dass jahrelange Ressourcen binär vernichtet wurden. Für Dr. Zimmer ist die Bilanz noch härter: „Mit dem Beschränkungsvorschlag sind wir in der Situation von 2010. Die 15 Jahre dazwischen sind für die Katz gewesen.“ Damit wird deutlich, dass nicht der Grenzwertstreit das Grundproblem ist, sondern die Prozessstruktur des Regulierens selbst.

PFAS wurde in Berlin gleichrangig diskutiert – allerdings weniger technisch als systemisch. Zimmer warnte, dass bei PFAS-Verbotspfaden auch indirekte, aber unverzichtbare technische Substrate ausfallen könnten, etwa Fluorpolymere in Behälter- oder Pumpenauskleidungen. Die Konsequenz wären nicht „nur“ Mehrkosten, sondern erhöhte Leckage-, Wartungs- und Störfallrisiken – Risiken, die aktuell weder regulatorisch bilanziert noch politisch verhandelt werden. Das heißt: Regulierung adressiert Primärwirkungen, ignoriert aber Nebenfolgen in sicherheitskritischen Kontexten.

Der Befund nach Berlin lautet damit nicht „zu viel Regulierung“, sondern „zu instabile Regulierung“. Was die Unternehmen fordern, ist nicht Nachsicht, sondern Kalkulierbarkeit. Erst wenn zeitliche, inhaltliche und rechtssichere Horizonte fixiert sind, werden Investitions-, Innovations- und Substitutionspfade rational planbar. Solange regulatorische Ziele ohne prozessfeste Ausführungsstrategien unter Berücksichtigung technologischer und wirtschaftlicher Möglichkeiten formuliert werden, bleiben sämtliche Anstrengungen der Branche mit einem großen negativen Multiplikator belegt.

Prozesssicherheit und Brandschutz

Prozesssicherheit war auf den Oberflächentagen nicht nur ein technisches, sondern ein ökonomisches Thema. Die Vorträge zum Brand- und Anlagenschutz machten deutlich, dass es sich hierbei nicht um „Sonderfälle“ handelt, sondern um ein systemisches Risiko in galvanischen Produktionsumgebungen. Laut Datenlage des GDV kommt es in Deutschland jährlich zu 70 bis 80 Bränden in oberflächenbearbeitenden Betrieben, 10–15 davon mit Schadenssummen über 500.000 Euro. Entscheidend: Rund 40 % dieser Brandereignisse haben technische Ursachen – also solche, die weder durch Verhalten noch Schulung kompensierbar sind.

Die gezeigten Fallbeispiele unterstrichen, wie stark Brandereignisse nachwirken – selbst wenn sie früh erkannt oder gelöscht werden. So wurde ein Beispiel zitiert, in dem ein Betrieb zwar einen Brand an der Gebäudehülle schnell eindämmen konnte, dennoch „hat es über ein Jahr gedauert, bis hier wieder produziert wurde“. Die Direktschäden sind in solchen Fällen nicht das zentrale Problem; stillstandsbedingte Folgekosten (Auftragsverlust, Vertragsstrafen, Requalifikationen, Mitarbeiterverschiebungen) dominieren die Gesamtsumme. Brandschutz wirkt damit als Versicherungsmechanismus gegen sekundäre Geschäftsunterbrechung, nicht nur gegen Zerstörung.

Besonders deutlich war die normative Kritik an der typischen Ausführung der Temperaturüberwachung von Bädern nach VdS-Richtlinie 7.59: Ein einzelner Übertemperaturfühler als Redundanz zum Regelkreis wurde als unzureichend bewertet, weil ein Niveaurückgang unterhalb des Heizers die Temperaturmessung faktisch blind macht. Damit ist eine redundante Ausführung des Niveausensors bzw. dessen regelmäßige Überprüfung deutlich relevanter. Diese Argumentation folgt einer physikalischen, nicht normativen Logik: Sicherheit muss sich an der Fehlerphysik, nicht an der Dokumentlage orientieren.

Auch elektrische Kontaktstellen wurden als unterschätzter Brandtreiber adressiert. Thermografieaufnahmen in Betrieben zeigen nicht selten, dass sich Stromkontakte auf 50 bis 60 °C Oberflächentemperatur im Normalbetrieb erwärmen – ein Wert, der zwar noch nicht kritisch ist, aber den Übergangswiderstand sichtbar macht. Steigen solche Temperaturen unbemerkt, entstehen nicht nur Brandherde, sondern zugleich Energieverluste. Hierzu eine Beispielrechnung: 1000 A * 1 V zusätzlicher Spannungsabfall ergeben 1 kW Verlustleistung pro Station; bei vier Stationen und 16 Betriebsstunden pro Tag liegen diese Verluste bei 64 kWh täglich – konservativ gerechnet. Brandschutz und Energieeffizienz sind damit keine getrennten Domänen, sondern zwei Seiten desselben Widerstandskontrollproblems.

Zu den gezeigten technischen Abhilfen gehörten Temperaturfühler direkt am Kontakt mit Auswertung über den Leitstand, abgestufte Eskalationslogik (Warnung / Störung / Abschaltung) sowie Temperaturtrending als Frühindikator statt als Alarmschwelle. Wichtig war der Hinweis, dass Kameralösungen oder KI-basierte Bildanalyse Brandschutz nicht substituieren können, weil Explosion-/Brandinitiatoren punktuell thermisch entstehen und nicht immer optisch detektierbar sind. Entscheidendes Kriterium bleibt die physikalische Messung – nicht die visuelle Interpretation.

Das übergreifende Signal des Blocks war damit: Brandschutz ist kein reaktives Randmodul, sondern ein aktives Element betriebswirtschaftlicher Resilienz. Investitionen in Mess- und Redundanztechnik verhindern nicht nur Großschäden, sondern transformieren Standzeiten, Energieverbräuche und Versicherbarkeit. In einer Branche mit hohen Energiedichten, langen qualifikationsgebundenen Rüstzeiten und rechtlich engen Rahmenbedingungen ist Brandschutz damit ein strukturtragender Produktionsfaktor.

Werkstoff- und Verfahrensentwicklung

Technische Innovation trat in Berlin in zwei Formen auf: als Ersatz- und Substitutionsforschung (dort, wo Regulierung direkte Verfahren adressiert) und als Prozessinnovationen innerhalb bestehender Systeme (dort, wo Performance, Stabilität oder Verfügbarkeit verbessert werden). Ein Beispiel aus dem Substitutionsspektrum war der Beitrag zur Metallisierung schwierig zu aktivierender Kunststoffe ohne Chrom(VI) und ohne Palladium. Die Vorbehandlung erfolgte über hochkonzentrierte Schwefelsäure und nachfolgende Borhydrit-Keimbildung mit anschließender chemischer Metallisierung.

Dass dieser Ansatz prinzipiell funktioniert, zeigte das eingespielte Videobeispiel: Ein zuvor aktiviertes CFK-Plättchen („2 x 2 cm“) wurde in ein chemisches Nickelbad eingebracht – die Reaktion setzte sofort ein, „es bilden sich sehr viele Blasen“, Nickelkeime lagen sichtbar frei im Bad. Die gezeigte Instabilität (Keime „fliegen frei herum“ und setzen sich unerwünscht ab) markiert das Hauptproblem dieser Ansätze: die Keimbildung funktioniert zwar, die Badstabilität ist aber nicht ausreichend. Die vorgestellten Optionen – niedrigere Temperaturchemien, Sprühaktivierung statt Eintauchen, strengere Homogenisierung der Angriffstiefe – skizzieren jedoch eine interessante Perspektive.

Ökonomisch relevanter ist der Versuch, Palladium zu ersetzen, denn Palladium ist nicht nur teuer, sondern im Welthandel inzwischen nicht mehr kalkulierbar bezüglich der Preisentwicklung. Dessen Substitution senkt damit nicht nur CapEx/OpEx, sondern verbessert Planbarkeit und die Preisstabilität der eigenen Produkte. In den Versuchen zeigte sich außerdem, dass die Haftfestigkeit ein zentraler Härtetest solcher Schichtsysteme ist – und hier wurde offen eingeräumt, dass dafür erst systematische Prüfungen folgen müssen.

Neben der Substitutionsebene wurden auch klassische Prozessinnovationen gezeigt, etwa bei der elektrochemischen Vor- und Zwischenbehandlung sowie beim digitalisierten Beizmonitoring. Der rote Faden: Neue Errungenschaften in der Oberflächentechnik entsteht oft nicht als Ersatz, sondern als Präzisierung – geringerer Streuung, engerer Prozesskorridor, frühere Anomalieerkennung, eine höhere First-Run-Quote. Diese Art von Fortschritt generiert keine Schlagzeilen, aber Margen.

Ein Interessanter Aspekt waren außerdem die strahltechnische Vorbereitung mit enger Reproduzierbarkeit. Wenn Eingangsrauhigkeit, Benetzbarkeit und Sauberkeit skalensicher hergestellt werden, verbessert sich im weiteren Verlauf der Prozesskette jeder galvanische Schritt – nicht qualitativ „vielleicht“, sondern statistisch sicher.

Im Zusammenspiel dieser Beispiele zeigt sich, dass die Weiterentwicklungen in der Branche selten disruptiv sind, sondern sich als Serie kontrollierter Verschiebungen entlang kritischer Parameter zeigen – Haftung, Badstabilität, Energie, Reproduzierbarkeit, Chemieabhängigkeit. Die Oberflächentage 2025 haben gezeigt, dass diese Verschiebungen nicht zufällig verteilt sind, sondern klar entlang der beiden Druckachsen verlaufen: regulatorischer Zwang und ökonomische Robustheit.

Branchenstimmung, Nachwuchs & Zukunftsperspektiven

Wenn man die Gespräche in Berlin betrachtet, ergibt sich ein ungewöhnliches Bild: Die Stimmung ist nicht euphorisch, aber sie ist auch nicht depressiv. Sie ist — und das ist bemerkenswert nach 15 Jahren regulatorischer Dauerbelastung — überraschend konstruktiv. Dr. Malte Zimmer sprach von einer „Aufbruchsstimmung, immer noch ein bisschen mit der Bremse“, aber die „Frustration […] ist einigermaßen weg“. Der Impuls kommt nicht aus der Politik, sondern aus Technologie: Digitalisierung, KI-Assistenz, messbare Prozessrobustheit, Ersatzforschung und der Nachweis, dass wichtige Teile der Branche sich trotz widriger Rahmenbedingungen weiterentwickeln.

Gleichzeitig wurde sichtbar, dass die strukturellen Schwächen nicht verschwunden sind, sondern parallel laufen: Nachwuchsmangel, Berufsschulen und Bildungseinrichtungen mit schrumpfenden Klassen, drohende Schließung ganzer Bildungsgänge bei Unterschreiten kritischer Schwellen. In der Session zur Ausbildung wurde offen ausgesprochen, dass wenn es nicht kurzfristig zu deutlich höheren Zahlen kommen, die entsprechende branchenrelevante Bildungsgänge geschlossen werden könnten. „Und was einmal weg ist, kommt nie wieder“, so einer der Lehrer im Vortrag. Das ist kein Kapazitätsthema, sondern ein handfestes Problem für die Zukunft: Ohne Bildungswege gibt es keinen Techniker-Nachwuchs mehr, und ohne Techniker verengt sich der Handlungsspielraum der Betriebe gegenüber Regulierung, Audit und Technik.

Die Verbands- und Unternehmensstimmen liefen an dieser Stelle nicht auseinander, sondern zusammen. Die Branche argumentiert nicht aus Defizitlogik („wir haben zu wenig Leute“), sondern aus Funktionslogik: Ohne Kompetenz im System steigt die Abhängigkeit von Beratung, sinkt die Innovationsfähigkeit und wächst der regulatorische Druck, weil Fachantworten fehlen. Die Nachwuchs-Thematik wird damit als Standortfaktor wahrgenommen.

Für die strategische Perspektive im Allgemeinen gab es in Berlin zwei Zielrichtungen: Resilienz gegen äußere Erschütterung (Energie, Rohstoffe, Regulierung) und technische Selbstverbesserung im Inneren (Messung, Prozessdisziplin, Substitution). Zimmer formulierte es im Schlussinterview ohne Pathos: „Technik und Prozessbeherrschung darf als Basis nicht in den Hintergrund treten. KI und Digitalisierung nutzen nichts, wenn der Prozess von grundsätzlich nicht stimmt.“

Am Ende zeigte sich auf den Oberflächentagen eine erstaunliche Resilienz der Galvano- und Oberflächenbranche gegenüber dem turbulenten gesamtwirtschaftlichen Umfeld – das macht Hoffnung für die Zukunft.