Regulierung wird zur Technikaufgabe

Zwischen BREF, PFAS und technischer Transformation: Steigende Kosten, Fachkräftemangel und ein Generationswechsel prägten die Mitgliederversammlung des VOA in Augsburg. Noch unmittelbarer für die Betriebe waren jedoch die Themen des Technischen Kreises: Die Revision des europäischen BREF, die geplante PFAS-Beschränkung und neue Anforderungen der Qualitätszeichen zeigen, wie tief Regulierung inzwischen in die Branche hineinwirkt.
Bei seiner Mitgliederversammlung in Augsburg verband der Verband für die Oberflächenveredelung von Aluminium (VOA) erneut technische und regulatorische Branchenthemen mit wirtschafts-, arbeits- und sozialpolitischen Fragestellungen. Dabei nahm insbesondere der am 17. Juni vorausgegangene Technische Kreis breiten Raum ein: Rund 70 Teilnehmer nutzten die Sitzung zum Austausch über aktuelle Entwicklungen im Prüfwesen, bei den internationalen Qualitätszeichen sowie über europäische Regulierung, Forschung, Kreislaufwirtschaft und Energieeffizienz. Zum öffentlichen Teil der eigentlichen Mitgliederversammlung am folgenden Tag kamen rund 80 Teilnehmer, zum abschließenden VOA-Dinner rund 100.
Auch personell wurden Weichen gestellt. Bei den turnusmäßigen Vorstandswahlen wurde Friedhelm U. Scholten, AnodiTec Hamburg, als Vorsitzender bestätigt. Ebenfalls wiedergewählt wurden seine Stellvertreter Thomas Engel, Kühl Eloxal, und Michael Oswald, Alutecta. Zugleich zogen mehrere jüngere Mitglieder in den Vorstand ein – ein Generationswechsel, den der Verband ausdrücklich als Gewinn neuer Perspektiven wertet. Wenige Tage nach der Veranstaltung folgte auch an der Spitze der Geschäftsstelle ein Wechsel: Zum 1. Juli übernahm Kathrin Lämmermann die Geschäftsführung von Dr. Alexa A. Becker.
Neue Führung und alte Herausforderungen
Der öffentliche Teil der Mitgliederversammlung richtete den Blick zunächst auf Rahmenbedingungen, die für die Unternehmen zunehmend ebenfalls zu Wettbewerbsfaktoren werden. Dr. Irmgard Stippler, Vorstandsvorsitzende der AOK Bayern, analysierte die Krankenversicherung aus Arbeitgebersicht. Im Zentrum standen das starke Ausgabenwachstum der gesetzlichen Krankenversicherung, die Fachkräftesituation und die Frage, mit welchen Strukturreformen die langfristige Finanzierbarkeit des Systems gesichert werden kann. Der VOA ordnete den Beitrag gemeinsam mit dem anschließenden Vortrag zur Rentenversicherung ausdrücklich in die Debatte um Zukunft und Stabilität der Sozialversicherungssysteme ein.
Für die Unternehmen ist diese Entwicklung unmittelbar relevant: Steigende Sozialversicherungsbeiträge erhöhen die Arbeitskosten in einer Situation, in der energie- und ressourcenintensive Oberflächenbetriebe ohnehin mit hohen Kosten, zunehmendem Regulierungsaufwand und erheblichem Investitionsbedarf konfrontiert sind. Stippler plädierte entsprechend für strukturelle Reformen statt einer immer weiteren Verlagerung zusätzlicher Finanzierungslasten auf Beitragszahler und Arbeitgeber.
Brigitte Iding, Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Rentenversicherung Bayern Süd, stellte dem die Frage gegenüber, wie vorhandene Arbeitskräfte länger leistungsfähig im Erwerbsleben gehalten werden können. Sie erläuterte Präventionsangebote sowie Leistungen zur medizinischen Rehabilitation und zur Teilhabe am Arbeitsleben. Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels besitzt dieser Ansatz auch für Unternehmen der Oberflächentechnik hohe praktische Relevanz: Das vorhandene Fachwissen erfahrener Mitarbeiter möglichst lange im Unternehmen zu halten, wird zunehmend zu einer eigenständigen personalpolitischen Aufgabe.
Einen anderen Blick auf das Thema Arbeitswelt eröffnete Dr. Rüdiger Maas vom Institut für Generationenforschung. Er beschäftigte sich mit den Auswirkungen der digitalen Lebenswelt auf jüngere Generationen, Unterschieden in der Kommunikation verschiedener Altersgruppen und den daraus resultierenden Herausforderungen für generationenübergreifende Zusammenarbeit. Der Vortrag spannte dabei den Bogen von den Babyboomern bis zur Generation Alpha und zeigte, wie unterschiedlich Kommunikationsformen, Erwartungen an Führung und Entscheidungsverhalten ausgeprägt sein können.
Wenn Betriebsdaten zu Vorgaben werden
Damit beschrieben die Vorträge der Mitgliederversammlung vor allem die wirtschaftlichen und personellen Rahmenbedingungen, unter denen die Branche künftig arbeiten muss. Die für die unmittelbare Produktionspraxis wesentlich konkreteren Fragestellungen hatte dagegen bereits der Technische Kreis am Vortag aufgegriffen. Besonders deutlich wurde dies bei der Revision des europäischen BREF „Surface Treatment of Metals and Plastics“. Bernard Gilmont von ESTAL und Marc Steffen Hinderer von Hydro Extrusion Deutschland machten deutlich, wie stark künftige Genehmigungsanforderungen von der Qualität der heute erhobenen Betriebsdaten abhängen. Emissionswerte sowie Wasser-, Energie- und Ressourcenverbräuche sehr unterschiedlicher Anlagen fließen in die Ableitung der BAT-Bereiche ein.
Aus Sicht der Branchenvertreter liegt darin ein enormes Risiko: Unterschiedlich strukturierte Eloxal- und Lohnbetriebe lassen sich nicht ohne Weiteres über einheitliche Kennwerte vergleichen. Werden wenige Messwerte oder besonders günstige Einzelanlagen verallgemeinert, können daraus später Anforderungen entstehen, die für Teile der Branche nur mit erheblichem technischen und finanziellen Aufwand oder auch gar nicht erreichbar sind. ESTAL brachte deshalb zum BREF-Entwurf 99 Kommentare sowie Begleitdokumente ein und drängt darauf, die Heterogenität der Anlagen stärker zu berücksichtigen.
Eng damit verknüpft ist das europäische REACH-Verfahren zur geplanten PFAS-Beschränkung. Auch hier kritisierte ESTAL weitreichende Schlussfolgerungen aus einer aus Verbandssicht erschreckend dünnen Datengrundlage. Für das Eloxieren bezifferten die vorgestellten Unterlagen den Anteil relevanter PTFE-Anwendungen auf weniger als ein Prozent. Anders ist die Situation bei bestimmten Pulverlacken: Fluorpolymere werden dort für einzelne hochwitterungsbeständige oder fein strukturierte Systeme tatsächlich eingesetzt. Entscheidend ist deshalb, ob für die jeweilige Funktion technisch gleichwertige PFAS-freie Alternativen verfügbar sind. Eine Beschränkung ohne geeigneten Ersatz könnte bestimmte Oberflächenqualitäten in Europa infrage stellen und Fertigung in Regionen außerhalb der EU verlagern. Der Vortrag zeigte damit exemplarisch, wie eng Stoffrecht, technische Machbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit inzwischen zusammenhängen.
Qualitätsregeln greifen tiefer in die Produktion ein
Auch die Weiterentwicklung der Qualitätszeichen QUALANOD, QUALICOAT und QUALISTRIP reicht tief in den Produktionsalltag hinein. Bei QUALICOAT betreffen aktuelle Änderungen unter anderem Korrosionsprüfungen, Probenentnahme und Materialzulassungen. Ab Anfang 2027 sollen für AASS- beziehungsweise FFC-Prüfungen drei Probenabschnitte aus drei unterschiedlichen Bauteilen herangezogen werden. Negative Ergebnisse lösen definierte Informationswege zwischen Generallizenzgeber, Beschichter und Vorbehandlungslieferant aus. Das trägt dem Umstand Rechnung, dass Korrosionsprobleme selten monokausal sind: Aluminiumwerkstoff, Vorbehandlung, Anlagenführung und Pulverlack können gemeinsam das Ergebnis beeinflussen.
Ebenfalls ab 2027 ist für organische Beschichtungsmaterialien ein zweistufiges Zulassungssystem vorgesehen. Parallel beschäftigen sich Arbeitsgruppen bereits mit PFAS, Low-Bake- und biobasierten Pulvern, Schichtdicken, Farbtoleranzen und dem Carbon Footprint. Damit verschmilzt klassische Qualitätssicherung zunehmend mit Energie-, Umwelt- und Regulatorikthemen.
Weitere Beiträge verbanden diese regulatorische Perspektive mit konkreten technologischen Ansätzen. Dr. Christof Langer vom fem stellte mit „EloBench“ ein Vorhaben vor, das anonymisierte Energie- und Ressourcenkennzahlen von Eloxalbetrieben zusammenführen soll. Die Daten sollen den Betrieben einen realistischeren Vergleich mit ähnlich strukturierten Anlagen ermöglichen und dem Verband bei regulatorischen Verfahren eine belastbarere Argumentationsbasis geben.
Effizienz braucht belastbare Daten und neue Technik
Mohamed Hassan von REMONDIS zeigte, wie aluminiumhaltige Abfalllaugen, Filterkuchen und Abfallsäuren zu Natriumaluminatlösungen aufbereitet werden können; zugleich wurde deutlich, dass Verunreinigungen die Verwertung realer Stoffströme erheblich erschweren können. Pascal Gerlach und Jan-Tobias Dürrmann von Mardo Kältetechnik präsentierten schließlich ein Konzept, bei dem eine zweistufige Wärmepumpe die beim Kühlen von Eloxalbädern anfallende Wärme auf bis zu rund 95 °C anhebt und für Prozesswärme oder Gebäudeheizung nutzbar macht. Insgesamt zeigte der Technische Kreis, dass technische Innovation, Ressourceneffizienz und Regulierung kaum noch getrennt betrachtet werden können. Besonders bei BREF und PFAS werden belastbare Branchendaten selbst zu einem strategischen Faktor.
Die ausführliche Darstellung der Themen und Vorträge des Technischen Kreises finden Sie online auf oberflaeche.de

Die ausführlichen Themen der Veranstaltung
VOA Mitgliederversammlung Tag 2
Wie bleiben die Sozialversicherungssysteme finanzierbar, wie können Unternehmen erfahrene Beschäftigte länger im Arbeitsleben halten – und was verändert sich mit den nachrückenden Generationen? Die Vorträge der VOA-Mitgliederversammlung beleuchteten drei Herausforderungen, die für die Betriebe zunehmend zu Wettbewerbsfaktoren werden: steigende Sozialkosten, Fachkräftemangel und veränderte Anforderungen an Kommunikation und Führung.
Technischer Kreis 2026
BREF STM, PFAS, neue Anforderungen bei QUALANOD, QUALICOAT und QUALISTRIP, Forschungsprojekte, Kreislaufwirtschaft und Energieeffizienz: Der Technische Kreis des VOA zeigte in Augsburg, wie eng Verfahrenstechnik, europäische Regulierung und Ressourceneinsatz inzwischen miteinander verknüpft sind. Dabei wird auch die Qualität belastbarer Betriebsdaten zunehmend zum strategischen Faktor für die Branche.












