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Erster skidloser Paint Shop

Eisenmann präsentierte vor Kurzem moderne Anlagentechnik und neue Technologien für die Erweiterung des Mercedes-Benz-Werks in Kecskemét (Ungarn). Mit ihnen wird erstmals eine hochflexible, skidlose Lackieranlage in die Praxis umgesetzt. Die vormontierte Anlage wird bis Ende dieses Jahres in Holzgerlingen (bei Stuttgart) abgebaut, nach Kecskemét transportiert und dort installiert. Die ersten Karossen sollen dann Anfang der nächsten Dekade dort vom Band rollen.

Eisenmann liefert eine genau auf die füllerlose Decklackierung abgestimmte Applikationstechnik. (Bild: Eisenmann)

Die Basis des integrierten Gesamtkonzepts der flexiblen Automobillackieranlage bildet das modulare Fördersystem VarioLoc. Dieses ermöglicht den skidlosen Transport der Karossen. (Bild: Eisenmann)

Im Eisenmann-Technologiezentrum in Holzgerlingen bei Stuttgart werden Anlagenkomponenten für Kunden vormontiert. Die rund 15.000 m2 großen Hallen bieten die Möglichkeit, kundenspezifische Lösungen vor ihrer Auslieferung einem Praxistest zu unterziehen und – in enger Abstimmung mit dem Kunden – neue Technologien auf dessen individuelle Bedürfnisse hin anzupassen. So auch im Fall der neuen Lackiererei für die Erweiterung des Mercedes-Benz-Werks in Kecskemét (Ungarn).

„Wir sind stolz darauf, in Kecskemét eine skidlose Lackieranlage zu realisieren, bei der mehrere unserer technologischen Lösungen zum Einsatz kommen. Mit der Kombination unserer Industrie 4.0-fähigen Technologien erwecken wir den hochflexiblen und effizienten Smart Paint Shop zum Leben“, so Jörg Robbin, Vice President Product Development, Automotive Systems bei Eisenmann.

Skidlos durch die Lackiererei

Die Basis des integrierten Gesamtkonzepts der flexiblen, smarten und hocheffizienten Automobillackieranlage bildet das modulare Fördersystem VarioLoc. Es ermöglicht den skidlosen Transport der Karossen. „Der Wegfall der schweren Skids ist die Grundlage hoher Flexibilität in der Lackiererei hinsichtlich wechselnder Taktzeiten, Durchsätze, Kapazitäten und Fahrzeugarchitekturen“, erklärt Robbin.

Die VarioLocs bewegen sich auf einer am Boden installierten Schiene und befördern so die Karossen durch die Lackiererei. Taktzeiten und Durchsatz lassen sich dabei flexibel gestalten und optimieren, weil die VarioLocs dank ihres Konzepts mit autarken Antrieben ihre Geschwindigkeit je nach Prozessschritt variabel anpassen können. Darüber hinaus kann das System ohne große Umbauten erweitert und die Locs ortsflexibel eingesetzt werden, da sie alle die exakt gleiche Bauweise aufweisen und aus standardisierten Komponenten bestehen. So ist es möglich, auf wechselnde Auslastungszahlen flexibel zu reagieren. Auch die Umrüstung im Produktionsbetrieb auf verschiedene Fahrzeugtypen ist problemlos und ohne gesondert geschultes Servicepersonal möglich.

Energieeffiziente Trocknertechnologie

Moderne Trockner sind mit ausschlaggebend für die Qualität der Lackierung bei Automobilherstellern und Zulieferern. Zum Smart Oven, der ebenfalls in der neuen Lackiererei in Kecskemét zum Einsatz kommen wird, erklärt Robbin: „Mit diesem neuen Konzept kann eine gleichmäßigere Aufheizung der Karosse bei deutlich geringerem Energieverbrauch erzielt werden. Durch diese Energieeinsparung reduzieren wir den Ressourcenverbrauch unserer Anlagen und senken in großem Umfang umweltschädliche Emissionen. So profitieren Anwender langfristig von optimaler Energiebilanz und hoher Beschichtungsqualität.“

Bisher mussten die schweren Skids, auf denen die Karossen die Trockner durchfahren, beim Trockenvorgang jedes Mal mit aufgeheizt und wieder abgekühlt werden – bei circa 200 Kilogramm pro Skid ein enormer Energieaufwand. Da bei VarioLoc die Skids entfallen, sollen sich allein im Trocknerbereich bis zu 13 Prozent Energie einsparen lassen. Insgesamt sollen sich sogar bis zu 37 Prozent mit dem Smart Oven jährlich einsparen lassen.

Smarte Fördertechniklösung

Zum Lieferumfang des umfangreichen Gesamtpakets für Kecskemét gehört auch eine Vorbehandlungs- und KTL-Anlage, ausgestattet mit E-Shuttle 200. Das Fördersystem E-Shuttle 200 transportiert die Karossen mit Einzelfahrwerken durch die Prozessbecken, nachdem sie von den VarioLocs übernommen wurden. Auch mit dem intelligenten E-Shuttle 200 können unterschiedliche Fahrzeugmodelle auf ein und derselben Produktionslinie behandelt werden. Die intelligente Shuttle-Steuerung ist in Echtzeit über BUS mit dem Leitsystem verbunden und ermöglicht eine flexible eigenständige Reaktion des Shuttles auf prozessuale Änderungen. Weiterhin kann die exakte Position des Fahrzeugs jederzeit erfasst und gespeichert werden – so behält der Betreiber stets den Überblick und kann später Auswertungen vornehmen, um die Produktion zu optimieren und flexibilisieren. Das verbessert die Qualität in der Lackiererei und erhöht somit die First-Run-Quote.

Dazu merkt Robbin an: „Bedenkt man den Trend zu geringeren Losgrößen in der Automobilproduktion, ist E-Shuttle 200 eine sinnvolle Investition in die Zukunft. Zudem lässt sich das System dank seiner intelligenten Steuerung problemlos in vernetzte Produktionskonzepte integrieren. Auch dies unterstreicht die Zukunftsfähigkeit und Eignung von E-Shuttle 200 als Bestandteil einer Smart Factory.“

Nachhaltige Applikations- und Abscheidetechnik

Mercedes-Benz setzt bei der Karossenbeschichtung auf Decklackierung mit füllerlosem Prozess. Der Verzicht auf die lösemittelhaltige Primerschicht soll die Ökoeffizienz verbessern und die Betriebskosten reduzieren. Zu diesem Zweck kommt ein zweischichtiger Basislackaufbau zum Einsatz, auf dessen Anwendung die Applikationstechnik von Eisenmann genau abgestimmt ist. Für Kecskemét liefert das Anlagenbauunternehmen die komplette Farbversorgung und eine Decklacklinie, bestehend aus sechs Decklackkabinen mit insgesamt 36 Lackier- sowie 24 Handlingrobotern zum Öffnen der Türen und Hauben für die automatische Innenlackierung. Der Hochrotationszerstäuber VarioBell v.2 und das Lackdosiersystem VarioCharger v.2 sollen hierbei den Materialverlust zugunsten eines effizienten Lackierprozesses minimieren. Die Technologien zur Sealing- und Dämmmattenapplikation kommen ebenfalls von Eisenmann.

Nachhaltig und energieeffizient ist auch das mechanische, modular aufgebaute Lacknebelabscheidesystem E-Cube. Dieses ist laut Hersteller energiesparend, arbeitet sauber ohne den Einsatz von Wasser und Chemikalien, überzeugt mit sehr hohem Abscheidegrad und ist simpel anzuwenden. Die Systemüberwachung erfolgt per Bedienterminal, die Filtermodule (Cubes) werden im laufenden Betrieb auf Knopfdruck gewechselt und die herausgefilterten Feststoffe einfach und komfortabel entsorgt.